BERLIN (dpa-AFX) - Zu hohe Emissionen, Nachholbedarf bei der Digitalisierung, ungleiche Vermögen - die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Deutschland auf einige Baustellen hingewiesen, der Politik aber auch bescheinigt, zunächst vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gesteuert zu sein. "Deutschland hat die erste Welle der Pandemie mit relativ geringen Störungen bewältigt", sagte Generalsekretär Ángel Gurria bei der Vorstellung des OECD-Wirtschaftsberichts am Dienstag.

In dem Bericht wird davor gewarnt, zügig zur Schuldenbremse zurückzukehren. Eine sofortige Wiedereinführung könne die Erholung der Wirtschaft gefährden. Am Freitag stimmt der Bundestag über den Haushalt 2021 ab, der zu mehr als einem Drittel aus Schulden finanziert werden soll.

Entschlossenes staatliches Handeln habe Gesundheit, Unternehmen und Arbeitsplätze geschützt, sagte Gurria. Die Unterstützungsmaßnahmen müssten auch andauern. Den Fehler, sie zu schnell zu beenden, habe man bereits bei der Finanzkrise gemacht. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit - der in vielen anderen Ländern weitaus drastischer war - wurde demnach durch Kurzarbeit abgefedert. Einer OECD-Prognose zufolge dürfte die Wirtschaftsleistung 2020 aber um rund 5,5 Prozent schrumpfen und danach nur langsam wieder steigen. Die Krise drohe zudem, Ungleichheiten zu verstärken: Junge Menschen, Frauen und Geringverdiener arbeiteten oft in besonders von der Krise betroffenen Bereichen und seien stärker von Arbeitslosigkeit bedroht. Schulschließungen träfen vor allem benachteiligte Schüler.

Auch bei der Klimapolitik gibt es demnach Nachholbedarf: Deutschland habe 2019 zwar "erhebliche Fortschritte" erzielt, die Emissionen seien aber weiterhin hoch, pro Kopf liegen sie im Schnitt über dem der europäischen OECD-Länder. "Die Kohleverstromung sollte schon früher als geplant zurückgefahren werden", heißt es in dem Bericht. Der Bundestag hatte im Juli den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens 2038, möglicherweise schon 2035 beschlossen. Etwa die CO2-Bepreisung wurde zwar begrüßt, im Verkehrssektor brauche es aber weitere Maßnahmen. Hier werde das für 2030 gesetzte Emissionsminderungsziel wohl kaum erreicht. Im Vergleich zu führenden Ländern hinke Deutschland zudem bei der Digitalisierung hinterher. Verwaltungsprozesse sollten gestrafft, Wettbewerb gefördert werden.

Angemahnt wird das nach wie vor große Verdienstgefälle zwischen Männern und Frauen und eine höhere Vermögensungleichheit als in anderen OECD-Ländern - die reichsten zehn Prozent besitzen hier 60 Prozent des Vermögens. Das könnte sozialen Aufstieg erschweren./gba/DP/jha