Ørsted hat es vom Öl- & Gaskonzern zum Weltmarktführer bei der Offshore-Windkraft geschafft. Die Aktie gewinnt in fünf Jahren mehr als 270 Prozent hinzu. Wir haben mit dem Deutschlandchef Jörg Kubitza gesprochen.

wallstreet:online : Herr Kubitza, der Markt für Offshore-Windkraft boomt. Ørsted hat in der deutschen Nordsee bereits vier Offshore-Windparks errichtet und plant zwei weitere. Die Große Koalition hat unterdessen das Ausbauziel für die Stromproduktion in Nord- und Ostsee für 2030 von 15 Gigawatt (GW) auf 20 GW erhöht. Welche Rolle spielt Ørsted aus Ihrer Sicht für die deutsche Energiewende?

Jörg Kubitza: Deutschland ist für Ørsted als viertgrößte Wirtschaftsnation weltweit einer der wichtigsten Märkte. Wir wollen die Transformation des deutschen Energiesystems maßgeblich unterstützen und in die deutsche Infrastruktur investieren.

Deutschland war Initiator des EEG, der Energiewende und hat nun mit der nationalen Wasserstoffstrategie noch Mal vorgelegt – wir sehen Deutschland als innovationsfreudig an, mit einer Gesellschaft, die durch breiten Konsens bereit ist, die Dekarbonisierung umzusetzen. Gemeinsam mit der dekarbonisierungswilligen Industrie sind wir uns einig, dass die Nachfrage nach grünem Strom und Wasserstoff enorm ist und auch künftig sein wird, das Angebot jedoch nicht dem Bedarf entspricht.

Ørsted übernimmt deshalb eine tragende Rolle im Rahmen der Energiewende in Deutschland, auch weil Offshore-Windenergie eine der tragenden Säulen ist, um die Energiewende möglich zu machen. Wir möchten gerne noch weitere Projekte in deutschen Gewässern realisieren - und wir sind bereit, künftige Offshore-Windparks weiterhin so zu bauen, dass die Gesellschaft hierdurch nicht belastet wird. Dieses Angebot machen wir der Regierung in Deutschland, um die Klimaziele schnell und effektiv zu erreichen.

wallstreet:online : Die Errichtung von Offshore-Windparks ist extrem kapitalintensiv. Wie wichtig sind der Kapitalmarkt sowie Fremdfinanzierungen bei der erfolgreichen Expansion im Offshore-Windkraft-Business?

Jörg Kubitza: Für Ørsted ist die Fremdfinanzierung über die Kapitalmärkte von zentraler Bedeutung. Der Großteil unseres Fremdkapitalportfolios besteht aus vorrangigen Anleihen und Hybridanleihen, die hauptsächlich auf den europäischen und britischen Märkten ausgegeben werden.

Wir verfolgen einen konservativen und umsichtigen Ansatz was die Liquiditätsreserven und Kapitalplanung betrifft. Das bedeutet, dass wir immer anstreben, dass notwendige Kapital vor dem tatsächlichen Bedarf zu beschaffen und immer über Liquiditätsreserven zu verfügen. Das sorgt dafür, dass wir bei eventuellen Störungen auf dem Kapitalmarkt mit einem eingeschränkten Marktzugang umgehen können.

Ein aktuelles Beispiel hierfür war der Covid-19-Ausbruch Anfang 2020. Durch unseren Ansatz konnten wir über einen langen Zeitraum unseren Betrieb und die Investitionen fortführen, ohne dass wir zusätzliches Kapital benötigten.

wallstreet:online : Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hindernisse beim Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland?

Jörg Kubitza: Mit Blick auf die Klimaziele und auf den Bedarf der deutschen Industrie an grünem Strom und grünem Wasserstoff zur weiteren Dekarbonisierung, muss der Ausbau der erneuerbaren Energien – im Speziellen der Offshore-Windenergie – beschleunigt und die Ausbauzahlen erhöht werden. Hierzu ist der regulatorische Rahmen ebenfalls entsprechend anzupassen.

Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass den investitionswilligen Energieunternehmen und der dekarbonisierungswilligen Industrie ausreichend Flächen zur Verfügung stehen, um Offshore-Windkraftwerke bauen zu können, die den Bedarf an grünem Strom liefern. Die planerischen Instrumente müssen daher dem Bedarf angepasst werden.

Auch dürfen Behörden und Genehmigungsverfahren nicht zu zeitlichen Hürden werden, denn das neue Klimaschutzgesetz wird die Industrie und ihre Ziele auch zeitlich unter Druck setzen. Es bedarf einer komplett neuen Vorgehensweise. Dabei muss der Klimaschutz und damit der Ausbau der erneuerbaren Energien Vorrang genießen. Weder die derzeit zur Verfügung stehenden Flächen noch der regulatorische Rahmen werden dem Ausbaubedarf gerecht – schon gar nicht im Licht der nationalen Wasserstoffstrategie.

Der Netzausbau ist ein weiteres Schlüsselelement für die Zukunft der grünen Energie. Um hier voranzukommen, braucht es mehr Wettbewerb und mehr Innovationswillen.

wallstreet:online : Ørsted gilt als Weltmarktführer bei Offshore-Windkraft. Doch die Konkurrenz auf hoher See nimmt zu. Zunehmend investieren auch konventionelle Energieunternehmen wie ENBW und Ölriesen wie Total in Offshore-Windkraft – Ørsted ist ja selbst die grüne Transformation gelungen. Welches Alleinstellungsmerkmal besitzt Ørsted gegenüber der Konkurrenz und wie wollen sie Ihren Titel "Weltmarktführer bei der Offshore-Windenergie" verteidigen?

Jörg Kubitza: Als Pionier und Marktführer in der Offshore-Windindustrie und unserem Anspruch, uns zu einem der größten Produzenten von erneuerbaren Energien zu entwickeln, haben wir uns das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 insgesamt 50GW erneuerbare Energien zu installieren, davon 30GW Offshore-Windkraft. Dabei werden wir bis zum Jahr 2027 rund 47 Milliarden Euro investieren. Außerdem: Klimaneutralität beim CO2-Fußabdruck unseres gesamten Unternehmens bis 2040. Wenn Sie sich die Branche und andere Unternehmen ansehen, sind wir nach wie vor die Vorreiter was die Langfristziele angeht und behalten unsere Pionierstellung.

Unsere wertvollste Ressource, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind hochmotiviert und sehr erfahren. Das lässt uns positiv nach vorne schauen. Keines der anderen Unternehmen wird innerhalb der nächsten beiden Dekaden komplett emissionsfrei sein. Wir verfolgen eine klare Mission. Wir wollen eine Welt schaffen, die vollständig auf grüne Energie setzt. Dieses Vorhaben treiben wir in allen Bereichen voran.

wallstreet:online : Einige Experten gehen davon aus, dass die 'niedrig hängenden Trauben' im Offshore-Windkraft-Sektor bereits gepflückt sind. Der weitere Ausbau würde damit teurer werden und die Rentabilität zurückgehen. Stimmt das und könnten schwimmenden Windparks aus Ihrer Sicht eine Lösung sein?

Jörg Kubitza: Das habe ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre öfter gehört, dass Offshore-Wind Grenzen aufgezeigt wurden. Entweder technologischer oder finanzieller Art. Aus unserer Sicht ist das aber nicht so. Die Innovationskraft dieser Technologie hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder gezeigt.

Wir haben vor dreißig Jahren den ersten Offshore-Windpark gebaut und als wir immer größere Windturbinen eingesetzt haben, wurde prognostiziert, dass nach 10MW Schluss sein würde. Derzeit werden Projekte mit 15MW-Turbinen geplant.

In den letzten zehn Jahren haben wir es gemeinsam mit unserer Lieferindustrie geschafft, die Kosten um ein Vielfaches zu senken, so dass Offshore-Wind heute günstiger ist als alle konventionellen Technologien.

Die schwimmenden Fundamente werden für bestimmte Märkte, in denen andere Fundamenttypen nicht funktionieren, sicherlich ein guter Schritt sein, um dann auch dort die Offshore-Windkraft für sich zu erschließen. In dieser Technologie ist noch lange nicht Schluss.

wallstreet:online : Offshore-Windkraft und grüner Wasserstoff werden oft in einem Atemzug genannt. Welche Wasserstoffprojekte hat Ørsted in Deutschland geplant?

Jörg Kubitza: Derzeit haben wir drei Wasserstoff-Projekte in Deutschland. Weitere in den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark. Eines unserer Projekte in Deutschland ist das Reallabor Westküste 100 in Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit unseren Partnern proben wir hier eine regionale Wasserstoffwirtschaft, die im industriellen Maßstab abgebildet werden soll. Dazu ist bis 2023 die Inbetriebnahme eines Elektrolyseurs mit einer Leistung von 30 Megawatt geplant.

Unser zweites Projekt in Deutschland ist Lingen Green Hydrogen. Zusammen mit unserem Partner bp, planen wir eine 60-Megawatt-Elektrolyse-Anlage auf dem Gelände der bp-Raffinerie in Lingen im Emsland. Die Inbetriebnahme der Anlage ist für 2024 vorgesehen. Langfristig soll der gesamte fossil erzeugte Wasserstoff in der Raffinerie Lingen ersetzt werden, was zu einer deutlichen Senkung der CO2-Emissionen in der Kraftstoffproduktion beitragen würde. Käme auch die Herstellung synthetischer Kraftstoffe z. B. für die Luftfahrt hinzu – sogenannte E-Fuels –, könnten in einem weiteren Projektschritt am Standort Elektrolyse-Kapazitäten von mehr als 500 Megawatt geplant werden.

Das bis dato mutigste Vorhaben führen wir mit vier Unternehmen aus dem Reallabor-Projekt „Westküste 100“ (Holcim Deutschland GmbH, Hynamics Deutschland GmbH und der Raffinerie Heide GmbH) aus. Das Projekt mit dem Namen HySCALE100. Dabei geht es um großtechnische Wasserstoffproduktion und die Dekarbonisierung von zwei Grundindustrien (Petrochemie und Zement). Entlang einer integrierten Wertschöpfungskette sollen zukünftig erneuerbare Energien, Petrochemie und Zementindustrie gesamtsystemisch verbunden werden. Die Idee ist, großtechnisch grünen Wasserstoff zu produzieren und mit CO2 zu synthetischen Grundstoffen umzuwandeln. Zusammen mit einem auf diese Weise nachhaltig hergestellten Zement entsteht eine breite Produktpalette, aus e-Fuels, e-Chemicals und e-Methanol. Mit diesen Maßnahmen wird in der Region Westküste die Möglichkeit geschaffen, erneuerbare Energien aufzunehmen und damit die bestehenden Industrien im Verbund zu dekarbonisieren. Die Inbetriebnahme ist für 2025 bzw. für 2027 vorgesehen. Dieses Projekt hat technologischen, innovativen und regulatorischen Leuchtturmcharakter für ganz Deutschland.

Wir haben uns sowohl mit Hyscale als auch mit dem Projekt in Lingen für die IPCEI-Ausschreibung beworben und die erste Phase erfolgreich überstanden.

wallstreet:online : Die Grünen wollen die Erhöhung des CO2-Preises auf 60 Euro pro Tonne auf das Jahr 2023 vorziehen. Was würde eine weitere Erhöhung des CO2-Preises für den Offshore-Windkraft-Markt aus Ihrer Sicht bedeuten?

Jörg Kubitza: Grundsätzlich leistet ein effektiver CO2-Preis einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wirtschaft und er ist notwendig zur Erreichung der Pariser Klimaziele. Am Beispiel Großbritannien kann man sehr gut sehen, wie ein entsprechend hoher CO2-Preis zu CO2-Reduzierungen, zum Ausstieg aus Kohleproduktion und zu einer Neuausrichtung von Investitionen in kohlestoffarme Lösungen im Energiesektor führt. Gleichzeitig werden Einnahmen generiert, die den Übergang finanzieren oder fördern oder zum sozialen Ausgleich genutzt werden.

Ein vorhersehbarer und hoher CO2-Preis ist daher ein guter Weg um Entscheidungen von Investoren, Unternehmen und Verbrauchern für umweltfreundliche Verkehrsmittel, Energieeffizienz-Maßnahmen, klimaneutralen Baustoffe (Zement und insbesondere Stahl) und erneuerbare Energiequellen zu fördern und die Klimaziele zu erreichen. Offshore-Windkraft ist wiederum die einzige erneuerbare Technologie, die Kraftwerkseigenschaften aufgrund der Größe der Erzeugungskapazität und der erzielbaren Volllaststunden hat. Es ist eine inzwischen akzeptierte Tatsache, dass die Dekarbonisierung der deutschen Industrie ohne diese Technologie nicht denkbar ist.

wallstreet:online : Herr Kubitza, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Ferdinand Hammer, stellv. Chefredakteur von wallstreet:online

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