Das Chaos regiert, Kommentar zum Energiemarkt von Alex Wehnert

Frankfurt (ots) - Am Energiemarkt regiert das Chaos. Der Preis für Erdgas am

niederländischen Knotenpunkt TTF ist zum Wochenstart auf das zuvor

unvorstellbare Niveau von 335 Euro pro Megawattstunde geschnellt, die Notierung

der führenden Rohölsorte Brent rückte auf fast 140 Dollar pro Barrel vor.

Auslöser für die abermaligen Kurssprünge waren Aussagen von US-Außenminister

Antony Blinken, gemäß denen westliche Staaten über einen Stopp von Ölimporten

aus Russland beraten - ein Schritt, der die Angebotssorgen an den

Rohstoffmärkten noch verschärfen würde. Auch wenn sich Bundeskanzler Olaf Scholz

gegen ein Embargo ausgesprochen hat und die Notierungen zunächst zurücksetzten,

müssen sich Marktteilnehmer auf neuerliche Preisanstiege gefasst machen.

So schrecken Händler allein infolge der Drohung weiterer Sanktionen vor

russischen Assets zurück, was bereits eine Verknappung am Markt nach sich zieht.

Die Hoffnungen ruhen nun darauf, dass Gespräche zwischen Moskau und Kiew Erfolge

bringen. Wenngleich dies angesichts der aggressiven Rhetorik des russischen

Präsidenten Wladimir Putin als äußerst optimistisches Szenario erscheint, dürfte

jede Wasserstandsmeldung rund um weitere Verhandlungen von extremen Schwankungen

der Energiepreise begleitet werden.

Die Aussicht auf eine Wiederaufnahme des Atomabkommens mit dem Iran ist dabei in

den Hintergrund getreten. Sollten infolge einer Einigung US-Sanktionen gegen

Teheran fallen, dann wäre der Weg für eine Rückkehr iranischen Öls an den

Weltmarkt geebnet. Allerdings sitzt Russland auch hier mit am Verhandlungstisch

und verlangt Zusagen der USA darüber, dass die wegen des Ukraine-Kriegs

verhängten Sanktionen nicht die im Abkommen vereinbarte Zusammenarbeit Moskaus

mit Teheran beeinträchtigen. Doch selbst wenn trotz solcher Hürden ein Deal

zustande kommt, wäre der Iran nicht in der Lage, einen Wegfall des russischen

Ölangebots zu kompensieren.

Darüber hinaus bilden die schleppende Produktionsausweitung der Opec plus und

der steigende Rohstoffbedarf im Zuge der Erholung von der Coronakrise nicht zu

unterschätzende Preisfaktoren. Große Verbrauchsländer können in diesem Umfeld

kaum gegensteuern: Freigaben strategischer Ölreserven überbrücken

Versorgungsnöte nur kurzfristig und senden das Signal, dass die

Angebotssituation noch bedenklicher ist als angenommen. Am Energiemarkt dürfte

daher weiterhin das Chaos regieren - mit entsprechenden Auswirkungen auf die

Inflationsentwicklung.

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