Dreierlei Willkommenskultur, Kommentar zum Fachkräftemangel von Anna

Steiner

Frankfurt (ots) - Deutschland ächzt unter dem Fachkräftemangel. Am lautesten

freilich wehklagen die Arbeitgeber. Sie fordern, dass die Politik endlich aktiv

wird. Damit ist es jedoch nicht getan. Denn das Problem ist (auch) hausgemacht.

Um dieses endlich zu lösen, braucht es dreierlei Willkommenskultur.

Ja, die Regierung täte gut daran, die Zuwanderung zu fördern. Die Zeit drängt:

Der demografische Wandel wird das Arbeitskräfteangebot bis zur Mitte des

Jahrzehnts weiter verknappen. Ökonomen haben ausgerechnet, dass Deutschland pro

Jahr 400 000 Netto-Zuwanderer bräuchte, um das Arbeitskräfteangebot annähernd

stabil zu halten. Davon sind wir noch weit entfernt. Bundesarbeitsminister

Hubertus Heil (SPD) will ein Punktesystem einführen, ähnlich dem kanadischen.

Wer eine Ausbildung, Berufserfahrung oder einen Abschluss hat, soll leichter

einwandern können. Auch Nichtfachkräfte erhalten so leichter Einlass. Die

sogenannte "Chancenkarte" soll im Herbst vorgestellt werden.

Eine zweite Art Willkommenskultur müssen diejenigen spüren, die ihren Beitrag

zum deutschen Wirtschaftsmotor bereits leisten: die Angestellten. Dass der

Gastronomie oder der Pflege das Personal davonläuft, hat nicht zwangsläufig die

Bundespolitik zu verantworten. Fachkräfte fehlen gerade da, wo die Belastung

hoch und die Bezahlung mies ist. Angemessene Löhne und ein höherer

Urlaubsanspruch könnten hier in vielen Branchen erste Abhilfe schaffen.

Willkommen heißen sollten Firmen auch Teilzeitkräfte, die aufstocken wollen. Die

Teilzeitquote ist in Deutschland überdurchschnittlich hoch. Doch viele stecken

unfreiwillig in Teilzeit fest. Gerade viele Eltern und Frauen würden gerne mehr

arbeiten. Allein, es mangelt an Kinderbetreuung oder an Flexibilität von Seiten

der Arbeitgeber.

Schließlich muss denjenigen ein herzliches "Willkommen!" entgegendröhnen, die

ins Berufsleben eintreten. Und zwar nicht nur den Abiturienten, die Elektriker

werden wollen. Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles,

mahnte die Betriebe jüngst zu Recht, auch den jungen Menschen eine Chance zu

geben, die "nicht zu den optimalen Kandidaten" zählten. Die Unternehmen zeigen

sich noch viel zu wählerisch bei der Auswahl ihrer Lehrlinge.

Vor allen Dingen muss die Vergütung stimmen. Der Ausspruch "Lehrjahre sind keine

Herrenjahre" hat angesichts des Personalmangels längst ausgedient. Hier muss

dringend nachgesteuert werden. Sonst werden sich gerade angesichts der

Mindestlohnerhöhung ab Oktober viele junge Menschen doch eher für einen

Helferjob als für eine Ausbildung entscheiden. Denn viele Azubis können sich von

ihrem Lehrlingsgehalt vielleicht gerade noch so eine kleine Wohnung leisten.

Gegessen und ein Nahverkehrsticket für den Arbeitsweg haben sie dann aber noch

nicht. Für die Betriebe ist ein höheres Lehrlingsgehalt vielleicht erst einmal

teuer, aber es rechnet sich, denn nur so werden die Fachkräfte von morgen

gebunden.

Die Politik kann vielleicht einen besseren Rahmen schaffen - indem sie

Zuwanderung und Kinderbetreuung fördert. Wen sie willkommen heißen und wen sie

vergraulen, haben die Arbeitgeber aber in erster Linie selbst in der Hand.

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