Dreiviertel leer, Kommentar zum Brexit von Detlef Fechtner

Frankfurt (ots) - Deal or No deal - that's the question. Die

Brexit-Verhandlungen steuern auf ihren Showdown zu. Europaabgeordnete rechnen

vor, dass sie selbst im Falle einer zügigen Einigung erst zwischen den Jahren

über einen Vertrag abstimmen können. Die Zeit wird verdammt knapp. Die

Vorwetten, dass es noch mit einem Deal klappt, werden skeptischer. Das Glas ist

schon lange nicht mehr halbvoll, nicht einmal mehr halbleer. Das Glas ist längst

dreiviertel leer.

Gemach, geben Diplomaten zu bedenken. Ist es denn nicht in EU-Verhandlungen

immer so, dass eine Verständigung erst nach Marathonsitzungen mit

durchgeschwitzten Hemden erreicht werden kann, weil alle Akteure dann bis zur

letzten Sekunde hart gerungen haben?

Dieses Muster mag für viele Verhandlungen gelten. Die Brexit-Gespräche aber

waren von Beginn an atypisch. Etwa, weil der Übergang vom rhetorischen Geplänkel

zur konkreten Kontroverse zu lange vertagt wurde. Und weil es nicht nur keine

Fortschritte gab, sondern generell wenig Bewegung. So bietet die Tatsache, dass

noch über genau die gleichen Zankäpfel - Wettbewerbsbedingungen, Fangquoten,

Streitschlichtung - gerungen wird wie vor Monaten wenig Anlass zur Zuversicht.

Dass es trotzdem Gründe gibt, auf eine Einigung zu hoffen, hat damit zu tun,

dass ein No Deal für beide Seiten enorm schmerzhaft wäre - trotz aller

gespielten Gelassenheit. Dabei bereitet nicht so sehr die Sorge vor Lkw-Staus

Kopfzerbrechen - die lassen sich mit etwas Geschick in Grenzen halten. Die

Bedenken der Wirtschaft konzentrieren sich auch nicht auf mögliche Zölle - die

lassen sich managen. Nein, die Angst ist, dass zwischen dem britischen Pochen

auf Souveränität und dem europäischen Bewahren des Binnenmarkts der Handel

zwischen der EU und der Insel unter die Räder kommt, weil jede Verlässlichkeit

und Rechtssicherheit fehlt und nichttarifäre Hemmnisse den Warenverkehr bremsen

werden.

Die Europäer werden am Ende dieses Jahrhunderts nur noch 4 Prozent der

Weltbevölkerung ausmachen - das entspricht dem heutigen Anteil Indonesiens. Dass

der wirtschaftliche und politische Einfluss des Kontinents schwindet, ist

unausweichlich. Aber natürlich könnte sich der Bedeutungsverlust rapide

beschleunigen, wenn Europa es nicht fertig bringt, weiter als gemeinsamer

Wirtschafts- und Handelsraum aufzutreten. Weil viele, die verhandeln, wissen,

dass ein No Deal zwei Verlierer haben wird - und allenfalls Gewinner in Übersee

-, gibt es selbst dreieinhalb Wochen vor dem Stichtag noch einen Funken Hoffnung

auf einen Deal.

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