Erst prüfen, dann auszahlen, Kommentar zum Modehandel von Martin

Dunzendorfer

Frankfurt (ots) - Eine schwere und anhaltende Krise, zumal eine globale,

verleitet in vielerlei Hinsicht dazu, nicht mehr zu differenzieren. Wenn der

Handelsverband Deutschland (HDE) und der Handelsverband Textil (BTE) die

ausbleibenden finanziellen Hilfen für die von zwei Lockdowns hart getroffene

Modebranche monieren, ist das nicht nur legitim, sondern Teil ihres Auftrags.

Schließlich hatte die Bundesregierung der Wirtschaft nach der neuerlichen

Zwangsschließung von Läden schnelle und unbürokratische Hilfen für November und

Dezember zugesagt. Bislang ist aber nur ein Bruchteil der vorgesehenen Gelder,

die als Entschädigung für Umsatzausfälle konzipiert sind, bei den Unternehmen

angekommen.

Unerwähnt bleibt freilich, dass zahllose Branchenvertreter - insbesondere

stationäre Textilhändler - schon lange, bevor sich Covid-19 ausbreitete, am

Rande der Insolvenz agierten.

Esprit, Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüpper, Hallhuber und nun auch noch

Adler: Viele bekannte deutsche Modehändler haben seit Beginn der Coronakrise ihr

Heil in Insolvenzverfahren suchen müssen. Die Frage muss erlaubt sein, wie lange

sich diese Unternehmen ohne die Pandemie noch über Wasser gehalten hätten. Fast

alle der genannten Firmen kämpften seit Jahren gegen den Exitus - selbst in

"Goldilocks"-Zeiten. Gewiss, schon der erste Lockdown traf die Branche hart:

Große Teile der Frühjahrs- und Sommerkollektion blieben liegen. Und nun stapelt

sich die Winterware in den Regalen, weil seit Mitte Dezember die Läden abermals

nicht mehr öffnen dürfen. Darüber hinaus muss jetzt die Frühjahrs- und

Sommerkollektion geordert und bezahlt werden. Zu deren Finanzierung muss die

Winterware wohl zu einem wesentlichen Teil unter Einkaufswert verkauft werden.

Gleichzeitig fallen weiter Kosten an wie Mieten für Geschäftsräume und für das

Personal.

Der Handelsverband Textil sagt eine Pleitewelle in der Branche mit dem Verlust

von über 100000 Arbeitsplätzen voraus, wenn sich die Politik nicht endlich in

die Bresche werfe. Einer HDE-Erhebung zufolge fürchten 61 Prozent der befragten

Textilhändler, 2021 ihr Geschäft aufgeben zu müssen. Es drohten verwaiste

Innenstädte. Diese Schreckensszenarien sind aber kein Grund, nun undifferenziert

das Füllhorn öffentlicher Gelder über der Modebranche auszuschütten. Anträge,

aus denen hoffentlich hervorgeht, ob ein Unternehmen in normalen Zeiten ohne

staatliche Hilfen überleben kann, sind keine Zumutung, sondern ein Muss. Ebenso

deren sorgfältige Prüfung. Auch wenn das dauert.

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