Glanz und Elend, Kommentar zur Autoindustrie von Sebastian Schmid

Frankfurt (ots) - Die deutsche Autoindustrie schneidet derzeit alte Zöpfe im

Rekordtempo ab. Der technologische Wandel, der von den Bemühungen um das

Erreichen der EU-Klimaschutzziele vorangetrieben wird, zwingt die Branche zum

rasanten Umdenken. Das lässt sich auch daran festmachen, dass nach dem jüngsten

Autogipfel kaum ein Murren zu vernehmen war - obwohl die einseitige Förderung

elektrifizierter Fahrzeuge bis Mitte des Jahrzehnts zementiert wurde.

Die Autokonzerne haben die Zeichen der Zeit erkannt und die Abwehrgefechte

eingestellt. Trotz Nachfrageflaute infolge der Coronakrise und entsprechendem

Sparbedarf werden Elektrifizierungs- und Digitalisierungspläne nicht nur

fortgeführt, sondern sogar beschleunigt. Volkswagen hat in der neuen

Planungsrunde festgelegt, dass in den nächsten fünf Jahren mit 73 Mrd. Euro die

Hälfte der Gesamtausgaben in Zukunftstechnologien investiert wird - zuvor waren

hier nur 40 Prozent der Mittel allokiert worden. Die ohnehin hohen Ausgaben für

die Elektromobilität werden um 2 Mrd. auf 35 Mrd. Euro aufgestockt. Die

Investitionen in Digitalisierung wegen der "herausragenden Bedeutung" auf gut 27

Mrd. Euro verdoppelt.

Wo Volkswagen schnell eigenes Know-how aufbauen will, setzt Daimlers Pkw-Tochter

Mercedes-Benz unter CEO Ola Källenius mehr denn je auch auf Partnerschaften.

Nach BMW bei Mobilitätsdiensten und Nvidia in der Fahrzeug-IT soll nun eine

Allianz für Ottomotoren mit Großaktionär Geely geschmiedet werden. Die

Aggregate, die auch mit E-Fuel und grünem Wasserstoff laufen sollen, werden ab

2024 erwartet. BMW will derweil die Motorenproduktion schrittweise vom Stammwerk

in München abziehen und dort künftig E-Maschinen montieren lassen. Den Umbau

will sich BMW hunderte Millionen Euro kosten lassen.

Die Entscheidungen sind eine direkte Reaktion auf die Marktentwicklung. In

Europa steigt die E-Auto-Nachfrage schneller als gedacht. Der wichtige

chinesische Markt wird ohnehin elektrischer und erweist sich überdies als

krisenresistent. Der dritte große Markt USA positioniert sich derweil mit stetig

wachsendem Light-Truck-Anteil als Exot. Die Orientierung nach Europa und Fernost

zeichnet der Branche einen klaren Pfad in Richtung Elektrifizierung. Die

langjährige E-Auto-Förderung soll wohl helfen, diesen zu ebnen. Für das Problem

fehlender Ladesäulen hat der Autogipfel aber keine überzeugende Lösung gebracht.

Das kann sich rächen. Zwischen Glanz und Elend liegt oft nur ein Schlagloch.

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