Heikles Kräftemessen, Kommentar zur Lufthansa von Heidi Rohde

Frankfurt (ots) - Ein heikles Kräftemessen gefährdet in letzter Minute den laut

Bundesfinanzminister Scholz so "wohldurchdachten" Rettungsplan für die Deutsche

Lufthansa. Mögen der Minister und sein in Finanzmarkttransaktionen erfahrener

Staatssekretär auch gute Gründe für die gewählte Struktur der Staatshilfe für

den von der Pleite bedrohten Luftfahrtkonzern haben, so haben es die Beteiligten

versäumt, die anderen Stakeholder rechtzeitig mitzunehmen.

Zu offensichtlich war der Bund darauf bedacht, im Interesse des Steuerzahlers

einen gelegentlichen Ausstieg mit Gewinn sicherzustellen, als dass er mit

widerstandsloser Zustimmung durch die Aktionäre hätte rechnen können; zumal es

einen Großaktionär gibt, der sein Paket zu Marktpreisen auf 15 Prozent ausgebaut

hat und den ein 20-prozentiger Einstieg des Staates zum Nennwert der Aktie von

2,56 Euro vor den Kopf stoßen muss. Dass sich der als eigensinnig und

durchsetzungsstark bekannte Thiele nicht an dem gewohnt handzahmen Verhalten

deutscher Institutioneller oder privater Kleinaktionäre orientieren würde, hätte

klar sein müssen.

Sicher, Thiele hat gerade mit seiner Aufstockung auf die Rettung durch den Staat

gewettet und sollte den Mund daher lieber nicht zu voll nehmen. Dennoch wäre es

im Interesse einer möglichst reibungslosen Hauptversammlung gewesen, ihn vorher

mehr einzubeziehen und auf die Belange der privaten Aktionäre Rücksicht zu

nehmen. Stattdessen signalisieren diesen die zahlreichen Verkaufsempfehlungen

von Analysten, dass mit der Lufthansa-Aktie praktisch kein Staat mehr zu machen

ist. Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, dass die Verhandlungen zwischen

Vorstand und Gewerkschaften über den anstehenden Stellenabbau vorläufig nicht

zum Abschluss kommen. Ein positives Signal an die Aktionäre über einen

Sanierungsbeitrag der Mitarbeiter vor dem Treffen am Donnerstag bleibt also

vermutlich aus.

Dessen ungeachtet erscheint neben Fremdkapital auch eine Staatsbeteiligung

geboten, um einem Einstieg wenig beliebter Anteilseigner den Boden zu entziehen.

Sonst wäre es schließlich denkbar, dass Hedgefonds - erfreut durch die

staatlichen Milliardenkredite im Rücken - für kleines Geld bei der Lufthansa an

Bord gehen und in gewohnter Manier zum Raubzug ansetzen: Neubesetzungen im

Aufsichtsrat, Sonderausschüttung etc. Auf diese Weise würde der Staat das

Geschäft der Aktivisten unmittelbar finanzieren. Daran dürften weder der

Streubesitz noch Thiele Interesse haben. Dass der Staat aber zum Nennwert

einsteigt, ist damit nicht gesagt.

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