Im Rückwärtsgang / Kommentar zur Lage beim Immobilienkonzern Vonovia

von Annette Becker.

Düsseldorf (ots) - Die Hatz nach schierer Größe auf dem Markt für Wohnimmobilien

hat mit der Zinswende ein jähes Ende gefunden. Deutschlands Branchenprimus

Vonovia, der das Portfolio im vergangenen Jahr mit der Übernahme von Deutsche

Wohnen noch um schlappe 155.000 Einheiten auf heute 550.000 Wohnungen ausbaute,

legt daher den Rückwärtsgang ein. Wurde im Mai zunächst ein grundsätzlicher

Akquisitions- und Investitionsstopp für Neubauten für den eigenen Bestand

verhängt, präsentieren die Bochumer drei Monate später ein Verkaufsportfolio mit

einem Verkehrswert von 13 Mrd. Euro.

Neben den üblichen Einzelverkäufen an die Mieter sind neuerdings auch

Mehrfamilienhäuser im Angebot sowie ein Portfolio mit nicht strategischen

Assets. In Summe stehen 65.000 Einheiten zur Disposition. On top wird nach

institutionellen Investoren Ausschau gehalten, die sich an Teilportfolien aus

dem Vonovia-Bestand beteiligen könnten.

Vorausgesetzt wird dabei natürlich eine entsprechende Zahlungsbereitschaft. Will

heißen, die Investoren müssten zumindest den bilanzierten Wert auf den Tisch

legen und damit genau das tun, was die Aktionäre von Deutschlands größtem

Vermieter nicht länger gewillt sind zu tun. Das belegt der Blick auf die Aktie,

die mit einem Abschlag auf den Nettovermögenswert von 50% gehandelt wird.

Vonovia sucht händeringend nach neuen Kapitalquellen, sind Fremd- und

Eigenkapitalmarkt angesichts der in wenigen Monaten verdoppelten Kapitalkosten

inzwischen doch tabu. Denn die Bochumer haben die Verschuldung mit der größten

Übernahme der Firmengeschichte so weit in die Höhe getrieben, dass bis 2030

alljährlich 3 bis 4 Mrd. Euro zu refinanzieren sind. Zugleich sind mit Blick auf

Klimaeffizienz milliardenschwere Investitionen in den Bestand vonnöten. Dieses

Geld muss erst einmal verdient werden und zwar zusätzlich zur Dividende. Denn an

der Dividendenpolitik - ausgeschüttet werden 70% des operativen Mittelzuflusses

- darf mit Rücksichtnahme auf die Aktionäre in keinem Fall gerüttelt werden.

Die Interessen von Mietern, Aktionären, Beschäftigten und Gesellschaft

auszubalancieren, ist das erklärte Ziel von Vonovia-Chef Rolf Buch. Doch je

tiefer der Aktienkurs fällt, desto stärker rücken die Vorstellungen der

Kapitalgeber in den Vordergrund. Wenig verwunderlich, dass Vonovia das Thema

Aktienrückkauf ins Spiel bringt. Ein Punkt, der mit Blick auf die

Kapitalallokation neben dem Schuldenabbau auf der Wunschliste der Investoren

ganz oben steht. Akquisitionen sind dagegen völlig aus der Mode gekommen.

(Börsen-Zeitung, 04.08.2022)

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