Keine Wunderdinge / Kommentar zum neuen EZB-Hilfspaket von Mark

Schrörs

Frankfurt (ots) - Ganze 7 Minuten und 48 Sekunden - handgestoppt - hat

EZB-Präsidentin Christine Lagarde gestern gebraucht, um die einzelnen Maßnahmen

des neuerlichen Lockerungspakets der Europäischen Zentralbank (EZB) gegen die

Coronakrise aufzulisten. Allein das zeigt: Die EZB hat noch einmal ganz tief in

ihren Instrumentenkasten gegriffen. Die neuerliche Zuspitzung der Pandemie ließ

ihr tatsächlich kaum eine andere Wahl, als nachzulegen. Von den

vorweihnachtlichen Geschenken sollte aber niemand (konjunkturelle) Wunderdinge

erwarten.

Auch die EZB-Granden wissen sehr wohl, dass sie längst an die Grenzen des

geldpolitisch Machbaren stoßen. Wichtiger als noch länger rekordniedrige Zinsen

sind jetzt schlüssige und dann auch konsequent umgesetzte Maßnahmen zur

Eindämmung des Virus. Wichtiger als noch mehr Geldspritzen sind jetzt schnelle

Zulassungen von Impfstoffen und die rasche Verteilung. Wichtiger als noch

größere Anleihekaufvolumina ist jetzt eine Einigung der EU-Staaten auf den

Corona-Wiederaufbaufonds. Beim EU-Gipfel braucht es da endlich den Durchbruch.

Die Euro-Hüter verfahren nach dem Motto: An uns soll die (wirtschaftliche)

Erholung nicht scheitern. Es geht ihnen dabei nicht darum, in Draghi'scher

Manier eine neue "Bazooka" zu zünden und den geldpolitischen Stimulus zu

erhöhen. Ziel ist es vielmehr, die aktuelle Unterstützung zu verlängern und die

günstigen Finanzierungsbedingungen festzuschreiben. Positiv an den gestrigen

Beschlüssen ist, dass anders als unter Ex-EZB-Präsident Mario Draghi nicht

versucht wurde, auf Teufel komm raus die Markterwartungen noch zu übertreffen -

etwa was die zusätzlichen 500 Mrd. Euro für das

Corona-Notfallanleihekaufprogramm PEPP betrifft. Bei der Verlängerung von PEPP

hätte es indes wohl auch erst einmal das Jahresende 2021 statt März 2022 getan.

Der EZB-Rat strebt offenkundig danach, sich größtmögliche Flexibilität zu

bewahren. Das ist richtig in einer Krise wie der aktuellen. Flexibilität darf

aber nicht in Willkür enden. Wenn die akute Krise überwunden ist, muss

beispielsweise PEPP enden. Tatsächlich kann sich die Wirtschaft mit weiter

positiven Entwicklungen bei den Impfstoffen 2021 womöglich sogar rascher und

stärker erholen, als derzeit viele erwarten. Dass die EZB unter Lagarde - auch

das in Abkehr von Draghi - zumindest die Möglichkeit andeutet, die neuen

Maßnahmen nicht ganz auszuschöpfen, wenn es auch weniger tut, ist da ein

wichtiges Signal - an die Märkte und die Politik: Geldpolitik ist keine

Einbahnstraße in Richtung immer mehr Lockerung.

(Börsen-Zeitung, 11.12.2020)

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