Krise mit Ansage, Kommentar zum Erdgasmarkt von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Der enorme Anstieg des Erdgaspreises in der EU ist auf eine

ganze Reihe kurz- und langfristiger Faktoren zurückzuführen. Eine der

wichtigsten fundamentalen Ursachen ist der Rückgang der Produktion von Erdgas in

Europa - vor allem in der Nordsee und in Norwegen. Bereits im Jahr 2019 warnte

die Internationale Energieagentur IEA vor einer entstehenden und sich

vergrößernden Versorgungslücke. Die EU ist in steigendem Ausmaß von Importen

abhängig, mit Russland als dem wichtigsten Lieferanten.

In einer solchen durchaus misslichen Situation sollte in Europa eigentlich die

langfristige Sicherung der Energieversorgung im Mittelpunkt aller Erwägungen

stehen. Im Rahmen der Liberalisierung der Energiemärkte hat die Europäische

Kommission jedoch andere Prioritäten verfolgt. Auch als eine Reaktion auf den

russisch-ukrainischen Gasstreit der Jahre 2006/07 kam es der Kommission darauf

an, zur Verhinderung von Marktmacht dominanter Anbieter wie Gazprom die

Vorherrschaft langfristiger Lieferverträge zu brechen - mit der Folge, dass der

europäische Spotmarkt mit seinen kurzfristigen Verträgen an Bedeutung gewann, an

dem sich nach dem Vorbild amerikanischer Rohstoffmärkte auch spekulative

Finanzinvestoren tummeln dürfen. Der damit entstandene Spotmarkt mit seiner

hohen Liquidität hat durchaus über eine längere Zeit für niedrigere Gaspreise

gesorgt. Unberücksichtigt blieb aber die beschriebene Verschlechterung der

fundamentalen Versorgungslage in Europa, die nun für eine strukturelle

Verteuerung des Energieträgers sorgt.

Die Krise verschärft haben kurzfristige Einflussfaktoren wie beispielsweise die

aktuelle Verteuerung fast aller Energieträger. Außerdem haben sich viele

europäische Gasimporteure schlicht verzockt. Sie setzten im Frühjahr und Sommer

darauf, dass der Preis am Spotmarkt wieder sinkt, um dann zu niedrigeren Kosten

die durch den Winter geleerten Lagerbestände kostengünstig aufzufüllen. Zu dem

erhofften Preisrückgang ist es jedoch nicht gekommen. Nun sind die Lager nur

unzureichend gefüllt, zumal auch US-Flüssiggas mit Blick auf die dort höheren

Preise nach Asien umgeleitet wurde. Kurzfristig gibt es für die Krise kaum eine

befriedigende Lösung. Europa muss sich im kommenden Winter möglicherweise auf

Versorgungssperren und sogar Stromausfälle einstellen. Längerfristig wird es die

EU nicht vermeiden können, sta­bilen Lieferbeziehungen eine höhere Priorität

einzuräumen und fehlgeleitete Liberalisierungen zurückzudrehen.

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