Nur eine Episode / Kommentar zum Aktienmarkt von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Das war dann wohl auch für die von der Aktienmarkt-Rally

verwöhnten Anleger ein wenig zu viel. Am Donnerstag büßte der Dax 3,5% ein,

nachdem katastrophale Wirtschaftsdaten veröffentlicht worden waren. In

Deutschland ist das Bruttoinlandsprodukt in den Monaten April bis Juni im

Vergleich zum ersten Quartal um 10,1% geschrumpft, für die Vereinigten Staaten

wurde ein annualisierter Einbruch der Wirtschaftsleistung um nahezu ein Drittel

vermeldet. Hinzu kam in den USA ein erneuter Anstieg der wöchentlichen

Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung.

Es waren jedoch nicht nur die Konjunkturdaten, die die Marktteilnehmer

schreckten - und wohl auch den Anstoß zu Gewinnmitnahmen gaben. Zumal erwartet

worden war, dass der Lockdown derart grausame Zahlen zur Folge haben würde.

Generell haben sich die Aussichten zuletzt nochmals eingetrübt. Anziehende

Infektionszahlen haben zu neuen Mobilitätsbeschränkungen geführt - so müssen

etwa Einreisende aus Spanien nun in eine 14-tägige Quarantäne. Damit haben sich

Lockdown-Befürchtungen verstärkt, die wiederum Zweifel an einer einigermaßen

zügigen Erholung der Weltwirtschaft schüren.

Verstärkt wurden auch die Sorgen über die US-Wahl im November bzw. über

potenziell für die Aktienmärkte abträgliche Aktionen seitens Donald Trump, der

angesichts derzeit schlechter Umfragewerte zu fast allem bereit zu sein scheint,

was möglicherweise seine Wiederwahlchancen verbessern könnte. Dazu zählt die von

ihm angeregte Verschiebung der Wahlen. Der entsprechende präsidiale Tweet trug

zu jener Marktschwäche am Donnerstag bei, denn er erinnerte daran, dass der

Handelskonflikt jederzeit wieder hochkochen könnte.

Gemessen am Ausmaß der Erholung seit Mitte März ist die Schwäche der

abgelaufenen Woche aber wohl nur eine vorübergehende Episode. Seit dem

seinerzeit erreichten Tief hat der Dax 49% zugelegt, trotz wegsackender

Unternehmensgewinne. Im Ergebnis sind die Bewertungen am Aktienmarkt stark

gestiegen. Das ist sehr bemerkenswert, denn wir erleben die schlimmste

Wirtschaftskrise seit der Großen Depression, und nach "gängiger Lehre" müsste

ein solches Umfeld Bewertungskennzahlen wie das KGV drücken oder doch zumindest

im Zaum halten. Mit konventionellem Denken scheint man aber in der einmaligen

Lage, in der sich die Welt durch die Coronakrise befindet, derzeit nicht weit zu

kommen.

"In ,normalen' Zeiten löst eine solche Kombination aus unsicheren Gewinnen,

hoher Bewertung und optimistischem Anlegersentiment regelmäßig eine

Aktienkonsolidierung von 10% bis 20% aus", so die Commerzbank. "Doch der jüngste

Anstieg des M1-Geldmengenwachstums in den USA von 33% auf 36% zeigt, dass wir

keine ,normalen' Zeiten haben. Für viele Investoren ist die Notenbankpolitik

viel wichtiger als fundamentale Trends wie Gewinne und Bewertung." Das Institut

hält denn auch eine deutlichere Korrektur am Aktienmarkt für unwahrscheinlich

und rechnet stattdessen mit stagnierenden Aktienmärkten im dritten Quartal.

Ähnlich die Einschätzung der LBBW. Die Erleichterungsrally der vergangenen

Monate sei seit einiger Zeit von einer Seitwärtsbewegung abgelöst worden. Um die

Märkte weiter nach oben zu treiben, bedürfe es Anschlussnachfrage, und jene

scheine angesichts der inzwischen hohen Bewertungen sowie der latenten Risiken

nicht mehr wirklich gegeben. Nun stünden die traditionell zwei schwierigsten

Aktienmonate des Jahres vor der Tür. In der Vergangenheit seien Anleger daher

oftmals gut beraten gewesen, in dieser Phase Gewinne mitzunehmen, um dann in

aller Ruhe ihren Urlaub anzutreten.

Etwas zuversichtlicher ist die UBS, die auf die massiven wirtschaftspolitischen

Impulse verweist. Das Institut riet Investoren in der abgelaufenen Woche zum

Ausbau von Aktienpositionen, weil es weiteres Aufwärtspotenzial an den

Aktienmärkten sieht. Begründet wurde dies auch mit positiven medizinischen

Entwicklungen und einer Rückkehr zur Normalität im Zuge der Wiedereröffnung der

Wirtschaft. Es sei vor allem die "Fed Story", die bei anhaltend extrem niedrigen

Zinsen Risiko-Assets mittelfristig stützen sollte. Die Rendite der zehnjährigen

amerikanischen Staatsanleihe sei auf ein Rekordtief gefallen, was unterstreiche,

dass Investoren sich in einer Welt nach Covid-19 noch mehr anstrengen müssten,

Renditen für ihr Portfolio zu suchen.

(Börsen-Zeitung, 01.08.2020)

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