Üppige Renditehoffnungen, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) - Die Covid-19-Krise hat die Volkswirtschaften praktisch rund um

den Globus arg in Mitleidenschaft gezogen. Heftige Konjunktureinbrüche für das

zweite Quartal waren fast überall zu verzeichnen. Sieht man sich dagegen die

Lage auf den Kapitalmärkten an, so ist nicht überall ein Abbild von heftigen

Wirtschaftsturbulenzen ablesbar - so etwa an den Aktienmärkten.

Sie haben die dramatischen Kursverluste aus dem März fast komplett wieder

ausgebügelt, mancher Index, wie etwa das Nasdaq-Barometer, markierte wieder

Rekord. Das ist nicht gerade ein Abbild von Krise. Derartige Signale sind aber

beim Goldpreis zu beobachten, der in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich

zugelegt hat. Und auch Bundesanleihen und die US-Treasuries profitierten von der

Flucht der Anleger in sichere Häfen. Dass diese Assets Krisenbarometer sind, hat

sich auch schon in früheren Unsicherheits- und Krisenszenarien wiederholt

gezeigt. Und so mancher scheint angesichts von recht üppigen Renditeerwartungen

die Krise und ihre gravierenden Folgen, und zwar für viele Unternehmen,

womöglich noch ein wenig zu unterschätzen.

Der Investmentmanager Schroders hat nun eine weltweite Anlegerbefragung

vorgestellt, und danach haben die Investoren noch recht optimistische

Ertragserwartungen. Die jährlichen Gesamtertragserwartungen - also laufender

Ertrag und Kapitalzuwachs - für die Portfolios liegen bei Anlegern in Nord- und

Südamerika bei stattlichen 13,2 Prozent. Asiatische Anleger veranschlagen 11,5

Prozent, und die europäischen Anleger gehen von 9,4 Prozent aus. Etwas bedeckter

geben sich die Deutschen mit einer Erwartung von 8,4 Prozent.

Da schwingt natürlich auch immer ein wenig Hoffnung mit. Und so mancher Anleger

hofft wohl, dass die Unternehmen einigermaßen durch die Krise kommen und die

staatliche Unterstützung ausreichend helfen wird, dass die Firmen nicht

umkippen. Viele Investmentexperten und auch die Ratingagenturen stellen sich

allerdings darauf ein, dass die Default-Rate in Europa und auch in den USA und

anderswo in den kommenden Monaten wohl eher einen Weg nach oben einschlagen wird

denn nach unten. Das bedeutet: Kreditereignisse wie Zahlungsverzüge, Ausfälle

und folglich auch Insolvenzen werden vermehrt auftreten. Aus den erhofften bzw.

zugesagten Zinszahlungen wird dann nichts mehr, und derartige Bonds werden

logischerweise im Wert verlieren und nicht noch Zuwächse aufweisen. Ob vor

diesem Hintergrund die solide Performance des Aktienmarktes gerechtfertigt ist,

muss sich jeder selbst beantworten.

Dass die deutschen Investoren eher zurückhaltend sind, bestätigte in diesen

Tagen auch gleich eine zweite Studie. Sie kam aus dem Hause Union Investment.

Demnach bringt die Corona-Pandemie die deutschen Sparerinnen und Sparer nicht

aus dem Tritt. "Sie schauen weiterhin optimistisch auf ihre eigenen finanziellen

Verhältnisse, jedoch eher skeptisch auf die wirtschaftliche Entwicklung in

Deutschland", hält Union Investment nach einer Befragung der Finanzentscheider

in deutschen Haushalten fest.

Die Anleger würden überwiegend bei ihren bereits vor der Pandemie favorisierten

Geldanlagen bleiben. Umschichtungen von Vermögen stünden kaum auf dem Plan.

Immer mehr Menschen würden sich jedoch offen für aktienbasierte Geldanlagen

zeigen, vor allem Männer. Auch wünschten sie sich, dass Unternehmen mehr soziale

und ökologische Verantwortung übernehmen. Zur skeptischen Beurteilung der

Wirtschaftsentwicklung passt dann auch das Ergebnis der Schroders-Studie, wonach

die Deutschen bei ihren Ertragserwartungen zurückhaltender sind als Investoren

in anderen Regionen.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, wo die Reise hingeht. Denn dann kommen nicht

nur harte makroökonomische Daten für das Sommerquartal herein, sondern die

Unternehmen legen auch ihre Bilanzwerke für die abgelaufenen drei Monate vor.

Fallen die Makrodaten und die Zahlen der Firmen enttäuschend und bei manchem

womöglich noch schwächer als im zweiten Vierteljahr aus und sollte dann auch

noch der Ausblick trüb bzw. pessimistisch sein, sollten die Anleger ihre

Ertragserwartungen vielleicht noch einmal überdenken. Denn dann sollte man sich

wirklich auf eine im vierten Quartal stärker werdende Default-Welle einstellen.

Und die wird an den Märkten Spuren hinterlassen. Die Frage ist doch nur: Wie

tief werden diese sein?

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