Risiko raus, Sicherheit rein, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) - Seit gut einer Woche wirbelt der Ukraine-Krieg die Welt und

die Finanzwelt durcheinander. Aktienindizes wie der Dax sind weit abgeschlagen

von ihren Allzeithochs, Energie- und Rohstoffpreise sind im Höhenflug und

markieren Rekorde, der Rubel hat seinen Wert praktisch halbiert, Russland hat

seine Kreditwürdigkeit bei den Ratingagenturen nahezu verspielt und steht kurz

vor der Einstufung "Bankrott", der Euro nähert sich zum Franken der Parität, die

Volatilität ist gestiegen, der Goldpreis gut unterstützt und die Renditen der

sicheren Staatsanleihen wie US-Treasuries und der Bundeswertpapiere sind entlang

den Renditestrukturkurven deutlich gefallen. Das alles in sieben Handelstagen.

Die noch Ende des Jahres und zu Beginn dieses Jahres gemachten Prognosen von

Banken und Assetmanagern sind durchweg Makulatur. Zugegeben: Den Faktor

"geopolitisches Risiko" hatten quasi alle auf dem Schirm, aber "Krieg in Europa"

hatte niemand ernsthaft auf dem Zettel - wie sollte man auch.

Damit hat sich die Gemengelage auf den Finanzmärkten vollständig verändert.

Risiko rausnehmen, lautet das Motto für die Portfolios - rein in sichere Assets.

Und so sind in der Folge die Kurse von risikobehafteten Assets wie etwa Aktien

in die Tiefe gerauscht. Profitiert haben von den Umschichtungen Gold und sichere

Staatsanleihen, und das hat bei Letzteren enorme Ausmaßen angenommen. Am

Dienstag der abgelaufenen Woche lag die zehnjährige Bundrendite im Tagesgeschäft

zeitweise noch bei mehr als 0,21 % (Schluss am Montag: 0,16 %) - im positiven

Bereich wohlgemerkt. Unter dem Eindruck neuer Kriegshiobsbotschaften ging es bis

auf das Tagestief knapp unter -0,08 %. Ein Rückgang von fast 30 Basispunkten an

einem einzigen Handelstag. Das war der größte Renditerückgang in diesem

Laufzeitensegment seit mehr als einem Jahrzehnt.

Welche Faktoren stehen dahinter, welche Signale sendet der Markt? Es ist

zuallererst die Flucht in Sicherheit, die in Unsicherheitsphasen wie Krisen

immer wieder zu beobachten ist. Geld umschichten in sichere Assets, Vermögen

(weitgehend) erhalten - so lautet die Devise, nach der agiert wird. Nicht das

erste Mal. Hinzu kommt ein markttechnischer Faktor: Die Renditen waren bis kurz

zuvor noch positiv. Das animierte ohnehin schon wieder, Bundestitel im

zehnjährigen Bereich zu kaufen. Zur Erinnerung: Am 16. Februar - rund eine Woche

vor Kriegsbeginn - konnte man kurzzeitig sogar knapp über 0,33 % laufende

Verzinsung bei den zehnjährigen Bundestiteln einstreichen - das hatte man lange

nicht gesehen. Und das Sicherheitsdenken - so bitter die Erkenntnis dieser Tage

auch ist - wird wohl noch einige Zeit anhalten, denn nach einem schnellen

Kriegsende sieht es derzeit wahrlich nicht aus. Der Markt der Bundesanleihen und

auch andere sichere Assets werden in diesem Umfeld aller Voraussicht nach gut

unterstützt bleiben.

Der Markt sendet auch Signale. Ohne Frage geht die Inflationsdiskussion

angesichts steigender Energiepreise weiter. Das sorgte vermutlich dafür, dass

die Renditen nicht noch kräftiger in den Keller gegangen sind. Die Notenbanken

müssten - die Inflation für sich betrachtet und alles andere unverändert

gelassen - die Teuerungsentwicklung mit höheren Zinsen bekämpfen. Aber in der

gegenwärtigen Lage stellen sich viele Marktakteure die Frage, inwieweit die

Währungshüter genau dieses Unterfangen noch angehen könnten. Manch einer wirft

gar die Frage auf, ob es überhaupt noch möglich ist und ob nicht eher neuerliche

Krisenmaßnahmen erforderlich werden könnten. Leitzinsanhebungen würden damit

ausbleiben, eventuell neue Bondkäufe erfolgen, um günstige

Refinanzierungsbedingungen zu erhalten und damit wirtschaftliche Stimulierung

auf den Weg zu bringen. Das würde die Renditen im Keller halten.

Noch ist auch nicht absehbar, wie stark die Wirtschaft durch den Krieg in

Mitleidenschaft gezogen wird. Was bedeutet der Exodus der Firmen aus Russland,

wie stark werden die Firmen über höhere Kosten und wegbrechende Umsätze

belastet, kommt es zu Entlassungen, womöglich Firmenpleiten und dergleichen

anderen wirtschaftlichen Negativmeldungen? Das ist alles ist abhängig von der

Dauer und der Intensität dieses Krieges mitten in Europa. Damit, und das ist

eine weitere Triebfeder für die Staatsanleihekäufe, tritt der nächste

Unsicherheitsfaktor zutage. Steuert die Wirtschaft auf eine Stagflation zu: also

Preisniveausteigerungen - zum Beispiel getrieben von Energie- und

Rohstoffpreisen - bei gleichzeitiger Stagnation der Wirtschaft, die durch den

Krieg in Mitleidenschaft gezogen wird? Mit jedem Tag des Krieges steigt diese

Wahrscheinlichkeit.

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