Steile Lernkurve, Kommentar zur Autoindustrie von Sebastian Schmid

Frankfurt (ots) - Es ist erst wenige Wochen her, dass sich die deutsche

Automobilindustrie auf der internationalen Messe IAA in München selbst gefeiert

hat. Fortschritte bei Elektrifizierung, autonomem Fahren und digitalen Services

prägten den Eindruck einer hochleistungs- wie lernfähigen Branche. Allerdings

scheint die Lernfähigkeit auch bitter nötig.

Das gilt insbesondere mit Blick auf die Beziehungen zu Lieferanten wichtiger

Elektronikbauteile. Die anhaltenden Lieferengpässe haben zahlreiche Experten -

etwa der Beratungsgesellschaften BCG und PwC - veranlasst, ihre Prognosen für

die weltweiten Auslieferungen 2021 erneut um mehrere Millionen Fahrzeuge nach

unten zu korrigieren.

Für einige Werke haben die Hersteller zuletzt mehrwöchige Produktionspausen

angekündigt. Das Opel-Werk in Eisenach hat seine Tore wegen des Teilemangels

sogar gleich bis zum Jahresende geschlossen. Doch selbst wenn gefertigt wird,

mutet der Begriff "fertigen" oft zunehmend deplatziert an. Viele Autohändler

klagen längst darüber, dass ihnen unfertige Fahrzeuge angeliefert werden, die

der Hersteller dann bei entsprechender Verfügbarkeit später vervollständigen

will.

Sowohl BMW als auch Mercedes liefern mittlerweile Fahrzeuge aus, die später mit

bestimmten Funktionen nachgerüstet werden sollen. Konkurrent Audi geht es

ähnlich und vielen Volumenherstellern erst recht. Die vom Ifo-Institut gemessene

Stimmung in der hiesigen Automobilindustrie, die im Juli ein Mehrjahreshoch

erklommen hatte, ist längst wieder im Sinkflug. Und dies, obwohl viele Autobauer

kurzfristig margenseitig profitieren. Der Mangel an Fahrzeugen hat den

Preiswettkampf praktisch ausgeschaltet. Ohne die üblichen Rabatte liegt die

Profitabilität der verkauften Autos deutlich höher und damit auch die Marge.

Beunruhigend sind der Chipmangel und die ständig changierenden Aussagen der

Automanager dennoch. Ein oft zu hörendes Mantra lautet, die ganze Branche sei

gleichermaßen betroffen. Die ganze Branche? Nein! Wie im Comic ein kleines

gallisches Dorf den Römern trotzt, so stellt sich ein US-Elek­troautobauer

erfolgreich dem Chipmangel entgegen. Tesla hat für das dritte Quartal wieder

einmal rekordhohe Auslieferungen gemeldet.

Es ist nicht lange her, dass CEO Elon Musk attestiert wurde, eine steile

Lernkurve in der Produktion vor sich zu haben, wenn das Mittelfristziel von

einer Million Autos pro Jahr erreicht werden soll. Nun kratzt Tesla erstmals am

Ziel - trotz Chipkrise. Die steile Lernkurve haben mittlerweile andere Autobauer

vor sich.

Pressekontakt:

Börsen-Zeitung

Redaktion

Telefon: 069-2732-0

www.boersen-zeitung.de

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/30377/5037618

OTS: Börsen-Zeitung