Tapering à la Lagarde, ein Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) - Tapert sie nun, oder tapert sie nicht? Das ist hier die große

Frage. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer Sitzung in der gerade

abgelaufenen Woche beschlossen, dass das Pandemie-Notfallkaufprogramm PEPP

zurückgeführt wird. Im vierten Quartal wollen die europäischen Währungshüter nun

weniger Bonds kaufen als bisher. Viele im Markt hatten erwartet, dass es zu

diesen Beschlüssen kommen wird, so mancher aber war davon ausgegangen, dass sich

EZB-Chefin Christine Lagarde und ihre Kollegen im geldpolitischen Rat der EZB

für diesen Entscheid womöglich noch etwas Zeit lassen werden. Und irgendwie

haben doch beide Seiten Recht behalten.

EZB-Präsidentin Lagarde hat doch "lediglich" in Aussicht gestellt, dass es im

vierten Quartal zu einer Rückführung dieser Bondkäufe kommen wird, aber ein

konkretes Volumen dieser Drosselung haben die Verantwortlichen bei der EZB nicht

genannt. Und die EZB-Chefin vermied auch, diese Maßnahme als Tapering zu

deklarieren. Sie betonte sogar, dass es sich hierbei nicht um ein Tapering

handeln würde. Genau das lässt tief blicken. Und genau darauf müssen sich die

Märkte einstellen. Es wird nämlich kein Tapering im bekannten Sinne mehr geben,

denn die Erfahrungen damit sind schlichtweg zu negativ, und die EZB kann sich

die Konsequenzen einer solchen Ankündigung des Tapering und der anschließenden

Durchführung desgleichen schlichtweg nicht leisten.

Die EZB vermeidet nicht nur das Wort Tapering, sondern sie wird im Markt im

vierten Quartal auch genau so auftreten, dass man ihr "Kaufverhalten" oder

"Nichtkaufverhalten" genauso interpretieren kann. Wer soll denn auch schon bei

einem Bondkauf sagen können, dass es sich hierbei um die Wiederanlage von Kupons

von Bonds handelt, die im Portfolio der EZB sind, oder dass es womöglich

Rückflüsse von Nominalwertzahlungen aus auslaufenden Anleihen waren? Oder waren

es doch Käufe im Rahmen von PEPP? Waren es nur geringere Käufe, weil es

schlichtweg im Handel aufgrund der hohen Preise nicht mehr von diesem Bond gab?

Es ist doch bekannt, wie schnell die Bonds bei Neuemissionen wegplatziert sind

und wie schwer es ist, nach einigen Wochen noch Stücke von dem Material zu

bekommen. In manchen Fällen ist es sogar unmöglich, noch Papiere zu erhalten.

Vielleicht kauft die EZB dann ja auch aus diesem Grund weniger. Oder hat die EZB

deshalb nicht gekauft, weil ihr der Preis in dem Moment dann doch zu hoch war?

Hat die EZB - und darauf müssen sich die Märkte dann auch einstellen -

vielleicht auch mal aus taktischen Gründen nicht gekauft? Einfach null Volumen,

um mal zu gucken, wie der Markt reagiert, wenn mal nicht oder nur weniger

gekauft wird? Denn genau das gehört auch zur Marktsondierung, und zwar gerade

beim Tapering. Aber vielleicht hat die EZB dann auch deshalb weniger im vierten

Quartal an Bonds gekauft - was der Markt dann in seiner Breite auch erst im

ersten Quartal 2022 wissen wird -, weil sie weniger kaufen wollte, also weil sie

tapern wollte. Viele, viele Fragezeichen.

Und auf was sollten sich die Marktteilnehmer einstellen? Sie sollten sich darauf

einstellen, dass es bei der EZB bzw. ihren Marktaktivitäten genauso weitergeht

wie bisher. Die EZB leistet Unterstützung für die Märkte - so wie die Akteure

auf den Märkten es auch erwarten. Und die EZB liefert weiterhin. Und damit wird

das Verhalten der EZB im Markt auch weiterhin Raum für Spekulationen bieten:

Weniger Käufe bedeuten nun Tapering oder weniger Käufe bedeuten irgendwas

anderes? Genau das wird die EZB den Marktteilnehmern nicht erklären. Und sie tut

gut daran. Denn so vermeidet sie Irritationen im Markt und demzufolge

Anpassungsreaktionen an den Märkten, vor allem an den billionenschweren

Bondmärkten und auch an den Aktienmärkten sowie an den Devisenmärkten -

Anpassungsreaktionen, die der EZB dann selbst wieder zum Verhängnis werden

könnten, weil sie aufgrund der von ihr selbst ausgelösten Reaktionen wieder

eingreifen müsste, um selbige dann wieder zu beheben. Sie will ja gerade die

günstigen Finanzierungsbedingungen in der Eurozone erhalten - also die durch

ihre eigenen Käufe ausgelösten niedrigen Bondrenditen - und gleichzeitig ja auch

irgendwann mal aus diesem Szenario aussteigen und den Markt wieder sich selbst

überlassen. "Dosiert" soll es erfolgen - wie Lagarde meinte. Und so wird es das

dosierte Tapering, das im Sprachgebrauch der EZB gar kein Tapering ist. Das ist

Tapering à la Lagarde.

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