Völlig losgelöst / Kommentar zur Aktienrally von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Durch die Corona-Pandemie erleben die Finanzmärkte ein Jahr

der Extreme. Dazu zählt, ebenso wie die Geschwindigkeit des Kursabsturzes und

die Heftigkeit der Marktschwankungen in der Panikphase des März, die seit

zweieinhalb Monaten anhaltende Erholungsrally. Ihr Ausmaß ist überaus

beeindruckend und überraschend. In der abgelaufenen Woche hat der Dax 4,6%

gewonnen, nachdem er in der Woche davor bereits um 5,8% zugelegt hatte - also in

nur zehn Handelstagen 10,7% bzw. rund 1120 Zähler. Auf Basis seines

Erholungshochs hat der Index im Vergleich zu seinem Crash-Tief von Mitte März in

der Spitze sage und schreibe 43% gewonnen.

Mit dieser Hausse haben sich die Aktienmärkte jedoch mittlerweile völlig von der

Realität losgelöst, die geprägt ist vom schwersten ökonomischen Absturz seit der

Großen Depression sowie derzeit kaum kalkulierbaren Aussichten und Risiken für

den Rest des Jahres und auch für die Zeit danach. Bis zu einem gewissen Grade,

wenn auch nicht in diesem Ausmaß, ist die Erholung vom Schock des ausgehenden

Winters nachvollziehbar. Geld- und Fiskalpolitik greifen in dieser Krise

weltweit in einem Ausmaß stützend ein, das in der Wirtschaftsgeschichte einmalig

ist. Hinzu kommen die zunehmende Aufhebung der Mobilitätsbeschränkungen, mit der

ein allmähliches Wiederhochfahren der Wirtschaft eingeleitet wird, und die hohe

Intensität, mit der weltweit an der Entwicklung von Impfstoffen und Mitteln zur

Behandlung von Covid-19 gearbeitet wird.

Außerdem hat sich der Mangel an hinreichenden Alternativen zu Dividendentiteln

verstärkt, weil der Zins rund um den Globus quasi abgeschafft wird. Jüngstes

Beispiel war am Donnerstag die Zentralbank Polens, die ihren Leitsatz von 0,50%

auf 0,10% reduziert hat. Nicht zuletzt setzen die Märkte darauf, dass auch die

Währungshüter Großbritanniens und der USA ihre Leitzinsen in den Minusbereich

befördern könnten.

Es ist völlig normal, dass die Aktienmärkte nicht die schwarze Realität der

Gegenwart handeln. Schließlich nehmen die Marktteilnehmer die Zukunft vorweg -

oder versuchen das zumindest. Es sind aber erhebliche Zweifel an dem Szenario

angebracht, das an den Aktienmärkten derzeit eingepreist wird. Kurz

zusammengefasst reflektiert das Ausmaß der Hausse die Einschätzung, dass die

Pandemie und die von ihr ausgelöste schwere Wirtschaftskrise innerhalb eines

eher überschaubaren Zeitraums überwunden werden und somit auch relativ schnell

einigermaßen der Zustand von vor der Krise wieder erreicht werden kann. In der

Einschätzung, dass diese Krise überstanden wird, liegen die Aktienmärkte

richtig, bezüglich der Geschwindigkeit der Überwindung jedoch wahrscheinlich

nicht.

Mit anderen Worten: Die Marktteilnehmer begehen einen Timing-Fehler. Die

Pandemie und damit die Wirtschaftskrise werden eben nicht schnell vorübergehen.

Es ist noch nicht absehbar, wann es einen Impfstoff geben und wie schlimm der

wirtschaftliche Schaden ausfallen wird. Längerfristig stellen sich weitere

potenzielle Probleme, deren Folgen kaum kalkulierbar sind. Dazu zählen die

wieder zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China, ein infolge einer

teilweisen Deglobalisierung beeinträchtigter Welthandel oder etwa auch eine

Abschwächung des Shareholder Value.

In einer Hinsicht ist der Zustand der Jahreswende wieder erreicht. Die

Aktienmärkte haben ein Niveau erklommen, auf dem zuversichtliche Szenarien

berücksichtigt sind, negative Überraschungen aber überhaupt nicht. Sie sind

damit stark korrekturanfällig, auch wenn ein erneuter Crash wie in den Monaten

Februar und März unwahrscheinlich sein dürfte. Kritisch sieht etwa die

Bewertungslage aus. Der Dax befindet sich derzeit in etwa auf dem Niveau von

Ende Februar. Seither ist der Konsens für den Dax-Gewinn je Aktie dieses Jahres

jedoch von 918 auf 627 Indexpunkte abgesackt. Im Ergebnis ist das

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Index in den zurückliegenden drei Monaten von

13 auf 18,5 hochgeschnellt. Tritt die Befürchtung der Commerzbank ein, dass der

Dax-Gewinn noch auf 550 Indexpunkte fällt, läge das KGV sogar bei 21,1.

Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass der Dax weiter zulegt und Höhen

deutlich über 12.000 Punkten erreicht. Der größte Teil der Rally dürfte jedoch

erst einmal hinter uns liegen. Noch mal 20% würden den Index auf einen Stand von

13.904 Punkte hieven, das KGV auf Basis der vermutlich noch weiter sinkenden

Gewinne bzw. Konsensprognose läge dann bei 22,2. Das wäre dann erst recht zu

hoch für das extrem unsichere und risikoreiche Umfeld, in dem sich der

Aktienmarkt in diesem Jahr bewegt.

(Börsen-Zeitung, 30.05.2020)

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