Wackelige Prognose / Kommentar zur Lage und Strategie bei Volkswagen

von Carsten Steevens

Wolfsburg (ots) - In den vergangenen Jahren hat Volkswagen über

Geschäftsjahreszahlen, Dividendenvorschlag und Ausblick in der Regel zwei Wochen

vor der Bilanzvorlage informiert. In diesem Jahr hat Europas größter

Fahrzeugbauer nur eine kleine Lücke zwischen den Terminen gelassen und mit der

Veröffentlichung einer Prognose gezögert. Seit vorigem Freitag liegt sie vor.

Optimistisch gehen die Wolfsburger in diesem Jahr von bis zu 10% steigenden

Fahrzeugauslieferungen und von bis zu 13% auf Rekordniveau anziehenden Erlösen

aus. Auch eine höhere Umsatzrendite als 2021 wird für möglich gehalten.

Die Ankündigungen basieren auf Erfahrungen in den vergangenen zwei Jahren. Trotz

Coronakrise und damit verbundener Folgen wie Engpässen bei der Versorgung mit

Halbleiterprodukten hat VW 2021 die pandemiebedingte Delle bei Erlösen und

Gewinn hinter sich gelassen. Der weltweite Fahrzeugabsatz ging zwar um gut 6%

zurück, doch der Verkauf von margen­stärkeren Fahrzeugen wie der Sport- und

Premiummarken sowie höhere Preise sorgen für Auftrieb bei der Umsatzrendite.

Porsche etwa hat die Position als einer der profitabelsten Autohersteller

untermauert. Mit einer operativen Marge von 16,5% lassen sich Vorbereitungen der

VW-Tochter auf einen möglichen Teilbörsengang im vierten Quartal leichter

angehen. Dass 2021 mehr vollelektrische Taycan-Modelle als 911er an Kunden

gingen, lässt darauf schließen, dass das Geschäftsmodell des Sportwagenbauers

auch in der E-Autowelt funktionieren wird. Die zunehmende Nachfrage nach

Modellen aus seiner wachsenden Elektrofahrzeugflotte kann den Konzern insgesamt

ermutigen, auch wenn frühere Erfolge aus der Verbrenner-Ära erst noch bestätigt

werden müssen, so in China. Fortschritte bei Kostenentlastungen sowie eine

starke Finanzdienstleistungssparte tragen dazu bei, dass sich der VW-Konzern

robuster aufgestellt sieht.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Vorschlag, die Dividende um mehr als 50%

anzuheben, als Signal der Zuversicht zu verstehen. Doch lässt die aktuelle

Prognose sehr viel gravierendere Folgen des seit fast drei Wochen andauernden

Kriegs in der Ukraine außen vor. Deutliche Preissteigerungen bei Rohstoffen und

Energie oder Ausfälle bei der Zulieferung von Bauteilen, die für

Produktionsunterbrechungen sorgen, könnten nur ein erstes Kapitel schwerer

Verwerfungen sein. Dass sich VW mehr Zeit für den Ausblick gelassen hat, zeigt

die Verunsicherung an. Prognosen wie die aus Wolfsburg sind derzeit sehr

wacklig.

(Börsen-Zeitung, 16.03.2022)

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