Waterloo / Kommentar zur Insolvenz von Wirecard von Stefan Kroneck

Frankfurt (ots) - "Sauve qui peut", hieß es 1815 auf französischer Seite nach

Napoleons verlorener Entscheidungsschlacht. Waterloo ist der Inbegriff der

absoluten Niederlage. Das trifft auf Wirecard zu. Den Aktionären droht bei einer

Pleite ein Totalverlust. Die 1999 gestartete Firma, die sich anschickte, die

Finanzdienstleistungsbranche aufzumischen, ist nach einem Kurssturz faktisch

kaum noch etwas wert. Zur Erinnerung: Wirecard brachte am Markt mal 24 Mrd. Euro

auf die Waage - mehr als die Deutsche Bank und die Commerzbank zusammen.

"Rette sich, wer kann", lautet nun das Motto infolge des Insolvenzverfahrens des

unter einem mutmaßlichen Bilanzbetrug und einem irreparablen Reputations- und

Glaubwürdigkeitsschaden zusammengebrochenen Zahlungsabwicklers. Die

Gelackmeierten sind vor allem die rund 5.800 Mitarbeiter, die womöglich ihre

Arbeitsplätze verlieren werden. Payment-Großkunden wie Aldi können ohne größeren

Schaden auf Wettbewerber umsatteln. Dumm gelaufen ist es für jene Institute wie

die beiden Frankfurter Großbanken, die als Kreditgläubiger ihre Forderungen

abschreiben müssen.

Für den Standort Deutschland ist die Causa kein Ruhmesblatt. Bei Wirecard

handelt es sich um den ersten Untergang eines Dax-Mitglieds. Nicht mal ganze

zwei Jahre nach dem Aufstieg in die deutsche Börsenoberliga steht die Firma, die

seinerzeit die Commerzbank abgelöst hatte, vor dem Aus. Die größte

EU-Volkswirtschaft, die es als eines der wenigen Industrieländer schaffen

könnte, mit einem großen blauen Auge aus der Coronakrise herauszukommen, hat

sich mit dem Kriminalfall des Fintechs mit Sitz in Aschheim bei München

lächerlich gemacht.

Das Desaster ist zu einem Politikum avanciert. Auf der Suche nach Mitschuldigen

wackelt auch der Stuhl von BaFin-Präsident Felix Hufeld. Dabei war es der

Gesetzgeber selbst, der die Zuständigkeit der Finanzaufsicht auf die Banktochter

begrenzte, gilt doch der Konzern als Technologieunternehmen. Wirecard fällt

somit in den Zuständigkeitsbereich des Regierungsbezirks Oberbayern im

weiß-blauen Freistaat.

Die ins Visier der Strafermittler geratenen Personen, darunter Ex-Vorstandschef

Markus Braun, werden sich vor Gericht verantworten müssen. Es ist zu hoffen,

dass die Verfahren mehr Licht in die dubiosen Machenschaften bringen, nachdem

die Finanzaufsicht dies nicht konnte. Aber auch mit einer erweiterten Kompetenz

hätte die Überwachungsbehörde die Missstände womöglich nicht verhindern können.

Denn wo vorsätzlich getrickst wird, fällt es schwer, rechtzeitig gegenzusteuern.

(Börsen-Zeitung, 26.06.2020)

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