Fast immer, wenn sich die USA berufen fühlen, Demokratie und Menschenrechte wieder herzustellen, ist Erdöl im Spiel. So natürlich auch in Venezuela, dem Land mit den weltgrößten Reserven des schwarzen Goldes. Nun hat der Karibik-Anrainer zwei Präsidenten und steht vor stürmischen Zeiten. Aber welche Auswirkungen wird das alles auf den Ölpreis haben? Um es kurz zu sagen: Es kommt darauf an.

Es geht nun um richtig viel

Es ist immer wieder schwer zu glauben, dass das seit einer gefühlten Ewigkeit kriselnde Venezuela eine Ölmacht des Rangs von Saudi-Arabien und den USA ist – oder besser gesagt sein sollte. Noch zu Zeiten von Hugo Chávez war ein bisschen von dieser Größe zu spüren, als die bolivarischen Revolutionen die Region erfassten und Venezuela ähnlich viel Einfluss ausübte wie das wesentlich größere Brasilien.

Aber damals sind die Ölpreise dank der unbändigen Nachfrage aus China explodiert und die Überschüsse waren enorm. Mit dem abrupten Rückgang der Kurse war es auch schnell wieder vorbei mit der Herrlichkeit. Durch den Einsatz von veralteter Technik und der vergleichsweise niedrigen Ölqualität schmolzen die Gewinne dahin. Für den aufgeblähten Staatsapparat standen nicht mehr ausreichend Mittel zur Verfügung und selbst für die Grundversorgung der Bevölkerung fehlten zunehmend Devisen.

Die Unzufriedenheit in großen Teilen der Bevölkerung wuchs stetig und mit der zunehmenden Polarisierung war kaum noch Politik zu machen, selbst wenn das Maduro-Regime gewollt hätte. Nachdem Länder wie Argentinien, Peru und Kolumbien („Lima-Gruppe“) schon seit Längerem auf eine Lösung der verfahrenen Situation gedrängt hatten, war wohl das forsche Auftreten von Brasiliens neuem Präsidenten Jair Bolsonaro Anlass für die USA, sich ebenfalls zum Protagonisten aufzuschwingen, um einen Regimewechsel herbeizuführen.

Die Hoffnung besteht natürlich darin, dass der Übergang hin zu einer freundlicher gesinnten Regierung einigermaßen gewaltlos abläuft und dann die Ölmultis wie Shell (WKN:A0D94M), Exxon Mobil (WKN:852549) oder Total (WKN:850727) wieder besseren Zugang zur Ausbeutung der enormen Ölreserven bekommen. Auch für das sich gerade formierende BASF (WKN:BASF11)-Spin-out Wintershall DEA könnten sich Chancen ergeben. Es locken Milliardengewinne, wobei eine massive Ausweitung des Angebots für stark sinkende Preise sorgen könnte.

Ausgang ungewiss

Aber es könnte auch anders kommen. Michael Lynch illustrierte am 25.01. auf Forbes gleich vier mögliche Szenarien mit höchst unterschiedlichen Folgen:

  • Maduro könnte noch längere Zeit um seine Macht kämpfen, wodurch große Unruhen zu einem fast völligen Erliegen der Wirtschaft führen könnten.
  • Die eigene Partei könnte Maduro absetzen, um etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen, ohne eine echte Lösung herbeiführen zu können.
  • Das Militär könnte die Kontrolle übernehmen, wodurch mit einer längeren Zeit der Unsicherheit zu rechnen wäre.
  • Juan Guaidó könnte sich als Interimspräsident durchsetzen und wie versprochen in wenigen Monaten Neuwahlen organisieren, die letztlich wieder für stabile Verhältnisse sorgen.

Im letzten Fall erwartet Lynch, dass es Regierung und Gesetzgebern gelingen würde, relativ zügig die Produktion hochzufahren. Eine Rückkehr zu früheren Volumina würde tendenziell Abwärtsdruck auf die Ölpreise ausüben. Da Venezuela aber wie gesagt relativ hohe Förderkosten hat, darf das Hochfahren nicht zu schnell gehen, weil sonst dem erhöhten Absatz ein tödlicher Margenverfall gegenübersteht. Auf eine Schwemme würde ich daher nicht setzen.

Schlimmer noch: Wenn der Konflikt eskaliert und Venezuela als Exporteur ausfallen sollte, dann droht eine Angebotsverknappung, die die Notierungen wieder in dreistellige Sphären heben könnte – wovon leider nicht Venezuela, sondern vielmehr andere staatliche Petrokonzerne und die weltweiten Ölmultis profitieren würden.

Auswirkungen sind vielfältig

Zwischen diesen beiden Extremen ist alles möglich und die Auswirkungen sind jeweils sehr unterschiedlich. Für deutsche Unternehmen wäre eine friedliche Rückkehr zur „Normalität“ in mehrfacher Hinsicht positiv. Zum einen sind niedrige Energiekosten immer gut für die Bilanz und zum anderen stehen die Chancen gut, dass für die Modernisierung des Landes auch eine Menge deutsche Technik etwa von Siemens (WKN:723610) oder thyssenkrupp (WKN:750000) nachgefragt würde. Die vielen Exporteure mit starker regionaler Präsenz wie etwa Volkswagen (WKN:766403) würden zudem von der Wiederherstellung der Stabilität profitieren.

Wahrscheinlicher ist aber, dass der Konflikt auf die eine oder andere Weise noch längere Zeit anhalten wird. So schnell werden sich die eingefleischten „Chavistas“ nicht geschlagen geben, zumal sie Rückendeckung von mächtigen Ländern wie Russland, China, Iran und Türkei erhalten. Eine Befriedung der Situation kann nur gelingen, wenn beide Präsidenten sich zurücknehmen, faire Neuwahlen ansetzen und den Wahlausgang im Sinne der Einigung des Landes akzeptieren. Aber so etwas passiert in der Geschichte nur sehr selten.

Was tun?

Insgesamt würde ich mich darauf einstellen, dass Venezuela wie gehabt auf absehbare Zeit sein Potenzial nicht ausschöpfen kann und somit weniger Einfluss auf die Ölpreise nehmen wird, als manch einer derzeit hofft oder befürchtet. Allerdings betrifft die Venezuela-Frage heute weit über den Ölpreis hinaus die gesamte Region. Von daher könnte es sich lohnen, den weiteren Verlauf im Blick zu behalten, gerade auch, wenn du Wertpapiere im Depot hast, die von der Wirtschaftsentwicklung Lateinamerikas abhängen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2019

Autor: Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst