BURGWEDEL (dpa-AFX) - Der Ukraine-Krieg setzt auch den in Polen stark vertretenen Drogeriekonzern Rossmann unter Druck. "Nicht nur, dass auf einmal Millionen Menschen zusätzlich versorgt werden müssen", sagte Firmenchef Raoul Roßmann im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Auch viele Polen fangen an, sich vorsichtshalber zu bevorraten. Das stresst die Lieferketten massiv."

Die Beschäftigten im Nachbarland seien derzeit oft noch besorgter als in Deutschland: "Viele haben Angst vor dem, was auf sie zukommen könnte." Der Geschäftsführer des Einzelhandelsriesen aus Burgwedel bei Hannover zog außerdem eine kritische Bilanz zu den Pandemiefolgen für seine Branche. Viele Corona-Regeln sollen in Kürze auslaufen.

Unter ihren 2130 Auslandsfilialen betreiben die Niedersachsen die mit Abstand meisten in Polen (1580). "Wir versuchen, unsere Kollegen bestmöglich zu unterstützen, damit sie wiederum die beste Hilfe für die Ukraine leisten können", sagte Roßmann. Die Drogeriemarktkette liefere dazu jetzt auch Hilfsgüter per Lastwagen in das Kriegsland. "Das Nadelöhr ist die Transportlogistik ab der polnischen Grenze." Es sei wichtig, dabei koordiniert vorzugehen. Auch Hilfsorganisationen hatten betont, besser professionelle Verteilnetzwerke einzuschalten.

Steigende Anforderungen an Lieferanten in umgekehrter Richtung - also an Produzenten von Auslandswaren für die eigenen Läden - beschäftigen Roßmann ebenso. Das neue Lieferkettengesetz sieht der 36-Jährige, der im vergangenen Herbst die Geschäftsleitung von seinem Vater Dirk übernommen hatte, insgesamt skeptisch. Die letztlich verabschiedeten Regeln seien zu umfangreich und zu undurchsichtig: "Wir durchblicken gar nicht mehr genau, wo unsere jeweilige Verantwortung anfängt und aufhört." Ursprünglich sei er Befürworter des Gesetzes gewesen und habe 2012 eigene Ideen in einen Bundestagsausschuss eingebracht.

"Ich habe das Gefühl, wir kontrollieren als Händler jetzt auch Dinge mit, die eigentlich in der Hoheit großer Lieferanten liegen", sagte Roßmann. Ein nicht "gleich alle und alles" abdeckendes, schrittweise ergänztes Paket hätte er besser gefunden: "Keine Pauschalvorgaben, sondern ein Gesetz, das sich an den tatsächlichen Risiken in den Lieferbeziehungen in einzelnen Ländern und einzelnen Branchen, an Umweltstandards, Arbeitsschutz und Regeltreue ausrichtet."

An der Corona-Politik und deren Auswirkungen auf den Handel äußerte Roßmann scharfe Kritik. Die allgemeine, zeitlich befristete Senkung der Mehrwertsteuer sei "skandalös" gewesen: "Das war eine der größten finanziellen Fehlentscheidungen." Zwar hätten Menschen mit weniger Geld proportional mehr davon profitiert. Aber der absolute Betrag der Ersparnisse von geschätzt knapp 21 Milliarden Euro sei wohl vor allem Beziehern mittlerer oder höherer Einkommen zugutegekommen.

"Man hätte besser die Hälfte des Geldes nehmen und sie in Form absoluter Konsumschecks den Bedürftigen geben sollen, so wie es in den USA gemacht wurde", meinte der Rossmann-Chef. "Wir dagegen haben einfach mit der Gießkanne de facto Geld auch an Reiche verteilt. Es wäre eine einmalige Chance in der Corona-Krise gewesen, Menschen mit wenig Geld besser zu stellen - diese Chance wurde völlig verbrannt."

Um die aktuelle Inflation für Geringverdiener zu dämpfen, schlägt Roßmann eine Erhöhung des Corona-Bonus von bisher 1500 Euro vor. Auch Berufsgruppen außerhalb der Pflege sollten den steuerfreien Betrag erhalten. "Wir jedenfalls wären bereit, mehr Bonus auszuschütten. Der Staat verlöre etwas an Steuereinkünften aus Unternehmensgewinnen, im Gegenzug dürfte er höhere Mehrwertsteuer-Einnahmen erwarten."

Der seit mittlerweile 50 Jahren bestehende Konzern hat die Pandemie gut überstanden. Dabei profitierte Rossmann im Vergleich zu vielen Händlern, die in anderen Segmenten aktiv sind, von einer paradoxen Sonderkonjunktur: Im Lockdown durften die Niederlassungen wie Supermärkte wegen der Grundversorger-Rolle geöffnet bleiben, während als nicht systemrelevant eingestufte Läden dichtmachen mussten.

Die Schließung kleinerer Fachgeschäfte bewertet Roßmann rückblickend als extreme Ungleichbehandlung. Doch auch einige der Regeln für den gesamten Handel hält er für überzogen. 2G sei eine unnötige Auflage gewesen, die den Staat viel gekostet und die Betriebe zu Vehikeln des Drucks auf Impfgegner gemacht habe. "Es ist vollkommen überfällig, das aufzuheben." Die Beschränkungen hätten den Innenstädten massiv geschadet - er freue sich, dass die meisten auslaufen sollen. "Das Masketragen kann man aber gern noch ein bisschen verlängern."/bum/DP/mis