(neu: Aussagen Management, Aktienkurs)

STUTTGART (dpa-AFX) - Der Autobauer Mercedes-Benz traut sich nach einem unerwartet starken zweiten Quartal im Gesamtjahr noch mehr zu als bislang. Trotz Lieferkettenproblemen, den Lockdowns im wichtigen Markt China und den Folgen des Ukraine-Kriegs will Konzernchef Ola Källenius bei Umsatz und Ergebnis mehr einfahren - dank steigender Preise und einer Verlagerung auf teurere Modelle. Auch in der zweiten Jahreshälfte soll die Nachfrage weiter höher sein als das Angebot, auch wenn sich die Chipknappheit etwas abschwächen dürfte. Für eine mögliche Gasversorgungskrise suchen die Stuttgarter nach Lösungen. Dieses Jahr seien unter Umständen 50 Prozent Einsparung möglich, ohne die Ergebnisse deutlich zu belasten. Die Aktie legte zu.

Der Kurs stieg am Mittwochmittag in der Dax-Spitzengruppe um fast drei Prozent auf 55,79 Euro. Allerdings kann das Papier damit die Verluste der vergangenen Monate nur in begrenztem Maße aufholen. Seit Anfang des Jahres steht ein Kursverlust von rund 17 Prozent zu Buche. Die Aktie verlor damit genauso viel wie der deutsche Leitindex .

Vereinzelt hatten Analysten mit einer Erhöhung der Prognosen gerechnet - aber noch nicht unbedingt im derzeit unsicheren Wirtschaftsumfeld. Besser als erwartet fielen die Ergebnisse aus dem zweiten Quartal ohnehin aus. Analyst Philippe Houchois von der US-Investmentbank Jefferies bezeichnete das Quartal als "erneut sehr stark". JPMorgan-Experte Jose Asumendi sah vor allem eine positive Nachricht darin, dass die besseren Aussichten ihren Ursprung in Preis- und Mixeffekten hätten und nicht in der Absatzmenge.

Die am Kapitalmarkt stark beachtete, bereinigte operative Marge für die Pkw-Sparte erwartet das Management 2022 jetzt zwischen 12 und 14 Prozent, nachdem es vorher einen Wert am oberen Ende der Spanne von 11,5 bis 13 Prozent in Aussicht gestellt hatte. Nach sechs Monaten hat Mercedes hier rund 15 Prozent Marge erreicht, rechnet aber im zweiten Halbjahr wegen Kostensteigerungen mit einer Belastung von 2 Prozentpunkten im Vergleich zum ersten Halbjahr.

"Den zunehmend komplexen makroökonomischen und geopolitischen Herausforderungen begegnen wir mit erhöhter Umsicht und Widerstandsfähigkeit", sagte Källenius. Es gebe gute Gründe, mit Zuversicht nach vorne zu schauen, allen voran eine starke Nachfrage. Den Umsatz erwartet Mercedes jetzt "deutlich" über dem Vorjahr, bisher stand eine leichte Steigerung im Plan. Statt eines Ergebnisses vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf dem Niveau des Vorjahres, soll dies nun "leicht" zulegen.

Der freie Barmittelzufluss dürfte jetzt etwa wie im Vorjahr ausfallen - ebenfalls etwas bessere Aussichten als bisher. Das schaffe Möglichkeiten für die Verwendung der Mittel, wie es Finanzchef Harald Wilhelm formulierte. Hat ein Unternehmen mehr Geld in der Kasse als geplant, kann es dieses entweder investieren oder mehr an die Aktionäre verteilen in Form von Dividenden oder Aktienrückkäufen.

Im zweiten Halbjahr soll der Absatz dank weniger Einschränkungen durch Covid-Lockdowns und einer Besserung bei der Chipversorgung Fahrt aufnehmen, sagte Källenius. Der Mangel bei Elektronikbauteilen bleibe dem Konzern aber bis ins kommende Jahr erhalten und sei nach wie vor das bestimmende Thema im Tagesgeschäft. Laut Wilhelm ist es dem Konzern vor und in der Halbleiterflaute gelungen, die Nachfrage so mit dem Angebot auszubalancieren, dass der Hersteller höhere Preise durchsetzen kann. Und das nehme sich das Unternehmen auch für die Zeit nach der Chipknappheit und im kommenden Jahr vor, so Wilhelm.

Die Stuttgarter haben in den Monaten April bis Juni wegen fehlender Elektronikchips mit 487 100 Pkw rund sieben Prozent weniger Autos abgesetzt als ein Jahr zuvor, die Nachfrage ist den Angaben zufolge aber intakt. Steigende Preise und die Verlagerung auf teurere Fahrzeugen spielten dem Unternehmen daher in die Karten. Den Umsatz aus fortgeführten Geschäften steigerte Mercedes so um 7 Prozent auf 36,4 Milliarden Euro, wie es am Mittwoch vom Unternehmen hieß.

Zwar war auch der Absatz der Top-End-Modelle im Quartal gesunken, wie die besonders teuren Autos bei Mercedes mit der strategischen Fokussierung auf das Luxussegment genannt werden. Bei der Nobelmarke Maybach gab es jedoch ein Rekordquartal, und auch das Mercedes-Flaggschiff, die S-Klasse, blieb aus Sicht des Managements erfolgreich.

Vor allem im Einstiegssegment gingen die Verkäufe von Autos stark zurück. Källenius hat zwar das Aus der Einsteigerklassen A und B nicht offiziell angekündigt. Aber er hat bereits deutlich gemacht, dass die günstigeren Kompaktwagen im Portfolio so künftig keinen Platz mehr haben werden. Vielmehr sollen neue Elektromodelle in dem Segment deren Platz einnehmen und mit mehr Edelambiente auch mehr Geld verdienen. Källenius peilt nach eigenen Angaben weiter auch insgesamt Wachstum mit Größenvorteilen an, allerdings mit mehr Gewicht auf noblere Karossen.

Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern legte um acht Prozent auf 4,94 Milliarden Euro zu und fiel damit besser aus als von Analysten im Schnitt erwartet. Dabei hätten auch Kosteneinsparungen geholfen, hieß es von Mercedes. Das Konzernergebnis stieg um zwei Prozent auf 3,2 Milliarden Euro.

Vermehrt macht sich das Management wegen der drohenden Gaslieferkrise Gedanken um Wege, den Verbrauch von Erdgas zu senken. Langfristig sei es das Ziel, Gas gleich ganz durch Strom und erneuerbare Energiequellen zu ersetzen. Am Standort Sindelfingen, wo teure Modelle wie die S-Klasse, das vollelektrische Pendant EQS und die Marke Maybach hergestellt werden, könne die Lackiererei notfalls ohne Gasversorgung betrieben werden. In Deutschland sieht der Konzern die Möglichkeit, den Verbrauch insgesamt in diesem Jahr um rund die Hälfte zu reduzieren, ohne große Ergebnisbelastung, wie Källenius sagte./men/zb/jha/