PARIS/LONDON (dpa-AFX) - Europas Börsen haben zur Wochenmitte deutlich Fahrt aufgenommen. Am Vortag noch hatte sich an den Aktienmärkten langsam die Einsicht durchgesetzt, dass trotz der Annäherung im US-chinesischen Handelsstreit die Gewitterwolken noch längst nicht verflogen sind. Doch die Nominierung von Christine Lagarde für den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) stimmte am Mittwoch viele Anleger wieder versöhnlich. Beim Internationalen Währungsfonds wurde Lagarde zu einer der zentralen Figuren in der Euro-Schuldenkrise. Zudem gaben aufgehellte Stimmungsdaten aus der Eurozone Rückenwind.

Der EuroStoxx 50 <EU0009658145> schloss 0,93 Prozent höher bei 3540,63 Punkten. Der Leitindex der Eurozone bewegt sich inzwischen auf dem höchsten Niveau seit Juni 2018.

Auch an den Handelsplätzen in Paris und London ging es am Mittwoch weiter aufwärts. Der französische Cac 40 <FR0003500008> rückte um 0,75 Prozent auf 5618,81 Punkte vor und erreichte damit das höchste Niveau seit Jahresbeginn. Der britische Leitindex FTSE 100 <GB0001383545> war erstmals seit August vergangenen Jahres wieder über die Marke von 7600 Zählern geklettert - hier stand am Ende ein Plus von 0,66 Prozent auf 7609,32 Punkte zu Buche.

Die Notenbanken in Europa und USA hatten im Juni mit Signalen für eine noch lockerere Geldpolitik den Aktienmärkten kräftig unter die Arme gegriffen und die damals bereits laufende Kursrally weiter angeschoben. Nun befördert die Nominierung von Christine Lagarde als wahrscheinliche Nachfolgerin des scheidenden EZB-Chefs Mario Draghi neue Zinsfantasien. Einige Marktbeobachter wie etwa Michael Hewson vom Handelshaus CMC Markets UK kritisierten zwar Lagardes mangelnde Erfahrung im Bankengeschäft, gehen aber davon aus, dass die Chefin des Internationalen Währungsfonds als "Taube" den Geldhahn der Notenbank weit aufgedreht lässt.

Die Aussicht auf Christine Lagarde als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank verlieh gerade den besonders zinssensitiven Branchen wie Immobilien <CH0024505783> und Versorgern <EU0009658962> Auftrieb. Die entsprechenden Sektorindizes stiegen um 1,3 beziehungsweise 1,4 Prozent. Die hohen Dividendenzahlungen der Immobilienkonzerne gelten vielen Anlegern als Zinsersatz und die oft hoch verschuldeten Versorger profitieren von sinkenden Zinsen.

Im EuroStoxx gehörten die Aktien des Brauereikonzerns AB Inbev <BE0003793107> mit einem Aufschlag von gut 4 Prozent zu den Favoriten. Der geplante milliardenschwere Börsengang seines Asiengeschäfts in Hongkong hatte die Stimmung für die Papiere auch in Europa gehoben und war zudem bei Analysten gut angekommen - die Experten von Goldman Sachs etwa sehen nun mehr Kurspotenzial.

Eine Kurszielanhebung von HSBC schob die Aktien des italienischen Versorgers Enel <IT0003128367> um mehr als 2 Prozent an. Analyst Adam Dickens sieht inzwischen allerdings nur noch begrenztes Aufwärtschancen für den Kurs.

Ebenfalls eine Studie brachte die Papiere des französischen Autozulieferers Valeo <FR0000130338> an der Pariser Börse hingegen unter Druck. Als größter Verlierer im Cac 40 sackten sie um knapp 4 Prozent ab. Mainfirst-Analyst Analyst Pierre-Yves Quemener hält die Markterwartungen immer noch für zu hoch.

In London rutschten die Anteile an der Supermarktkette J Sainsbury <GB00B019KW72> um 0,6 Prozent ab - das Unternehmen hatte zuvor für das erste Geschäftsquartal einen Umsatzrückgang ausgewiesen. Eine bekräftigte Jahresprognose ließ dagegen die Aktien des Einzelhändlers JD Sports Fashion um fast 3 Prozent klettern./la/he