FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Menschen in Deutschland müssen sich nach Einschätzung der Bundesbank wegen des Ukraine-Krieges in diesem Jahr auf einen deutlichen Anstieg der Verbraucherpreise einstellen. "Mittlerweile rechnen die Fachleute der Bundesbank damit, dass die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 5 Prozent erreichen könnte", sagte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Joachim Nagel, am Mittwoch. Ein weiterer Energiepreisschub werde sich auch auf die Verbraucherpreise auswirken.

Im vergangenen Jahr hatte die Teuerungsrate in Europas größter Volkswirtschaft nach dem für die EZB-Geldpolitik maßgeblichen harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) im Schnitt bei 3,2 Prozent gelegen.

"Für den Euroraum ist ebenfalls eine hohe Inflationsrate zu erwarten", sagte Nagel. "Wir müssen die Normalisierung unserer Geldpolitik im Blick behalten." Die Inflation ist ein wichtiger Gradmesser für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Im Februar stieg die Inflation im gemeinsamen Währungsraum angeheizt von Energiekosten auf ein Rekordhoch. Die Verbraucherpreise legten gegenüber dem Vorjahresmonat um 5,8 Prozent zu, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte. Dies ist der höchste Wert seit der Euro-Einführung 1999. Energie verteuerte sich zum Vorjahresmonat um 31,7 Prozent. Lebens- und Genussmittel kosteten 4,1 Prozent mehr.

Nach Einschätzung von Ökonomen steht der nächste Preisschock bereits bevor. "Für März zeichnet sich für die gesamte Inflationsrate eine Sechs vor dem Komma ab, sofern die wegen des Ukraine-Kriegs gestiegenen Energiepreise nicht wieder deutlich sinken", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Das mittelfristige Inflationsziel der EZB von 2 Prozent wird mit dem jüngsten Preisschub im Euroraum noch stärker als bisher überschritten. Auch unter Europas Währungshütern herrscht inzwischen Einigkeit, dass man die hartnäckig hohe Inflation nicht aussitzen kann. Mit einer Anhebung der Zinsen könnte die EZB gegensteuern. Allerdings erschwert der Krieg in der Ukraine der Notenbank die Entscheidung über den weiteren Kurs, der auf der nächsten geldpolitischen Sitzung am 10. März festgelegt werden soll. Nagel ist Mitglied im EZB-Rat, dem obersten Entscheidungsgremium Notenbank.

Auch im vergangenen Jahr hinterließ die Corona-Krise deutliche Spuren in der Bundesbank-Bilanz: Zum zweiten Mal in Folge fällt die Überweisung aus Frankfurt für den Bundesfinanzminister aus. Wie schon 2020 erzielte die Bundesbank auch 2021 ein ausgeglichenes Jahresergebnis und führt daher keinen Gewinn an den Bundeshaushalt ab. Bundesbank-Präsident Nagel begründete dies mit der notwendigen weiteren Aufstockung der Risikovorsorge aufgrund der geldpolitischen Notfallmaßnahmen im Zuge der Pandemie.

"In den Jahren 2020 und 2021 haben sich die Risiken in unserer Bilanz im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie insgesamt stark erhöht", sagte Nagel. Die EZB hatte in der Krise den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen deutlich ausgeweitet. Damit nahmen nach Einschätzung der Bundesbank die Ausfallrisiken zu, daher stockte sie ihre sogenannte Wagnisrückstellung um 1,3 Milliarden Euro auf 20,2 Milliarden Euro auf. Im vergangenen Jahr hatte Berlin erstmals seit 1979 keinen Scheck von der Bundesbank erhalten./mar/DP/jkr