RHEDA-WIEDENBRÜCK (dpa-AFX) - Im Zuge des Corona-Ausbruchs in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb mit Hunderten Infizierten hilft die Bundeswehr bei den angeordneten Massentests. Am Freitag trafen 25 Soldaten ein und nahmen erste Proben bei Mitarbeitern des Unternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Sie beteiligten sich auch an organisatorischen Arbeiten. "Es wurden Absperrungen und Zäune aufgebaut", sagte der Sprecher der Bundeswehr in NRW, Uwe Kort. Die Soldaten kommen aus dem Augustdorf im benachbarten Kreis Lippe und aus Rheinland-Pfalz. "Der Kreis hat aber weiter die Verantwortung", so der Bundeswehr-Sprecher weiter. "Wir unterstützen nur."

Bis Freitagabend wurden 803 Infizierte registriert. Am Donnerstag hatte der Kreis Gütersloh für die sogenannte 7-Tages-Inzidenz - die Zahl der Neuinfizierten pro 100 000 Einwohner in einer Woche - einen Wert von 213 gemeldet. Er lag also bereits mehr als vier Mal so hoch wie der Grenzwert 50. Nach der Einigung von Bund und Ländern müssen Lockerungen in solchen Fällen wieder aufgehoben werden. Allerdings gilt auch, dass diese Zahl keine Rolle spielt, wenn es sich um einen lokal eingrenzbaren Infektionsherd handelt.

Bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld gingen fünf Strafanzeigen ein. Darunter sei auch eine Anzeige der Bielefelder Bundestagsabgeordneten Britta Haßelmann (Grüne), sagte Oberstaatsanwalt Martin Temmen. Ermittelt werde jetzt gegen Unbekannt wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz.

Vor dem Werk des Schlachtereibetriebs Tönnies kam es am Freitag wieder zu Protesten. Ein Mitglied der Tierrechtsorganisation Peta hatte sich als Tod mit Sense in der Hand verkleidet. Ein Stück weiter standen Oliver und Veronika Oekenpöhler mit Hund Pablo an der Leine. Das Ehepaar wohnt im nahen Stukenbrock. "Ich habe heute Morgen sofort gesagt, wir müssen hierhin und protestieren", so Veronika Oekenpöhler. "Wir wollen die Missstände hier nicht hinnehmen." Sie habe bereits im vergangenen Jahr gegen die Arbeitsbedingungen und die Tierhaltung bei Tönnies protestiert.

Der Ausbruch hat Auswirkungen auf zahlreiche Nachbarstädte in der Region, in denen Tönnies-Mitarbeiter wohnen. In der rund 40 Kilometer entfernten Stadt Hamm wurden drei Schulklassen in Quarantäne geschickt, weil unter den Schülern drei positiv auf Corona getestete Kinder von Tönnies-Mitarbeitern sind. Das teilte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) mit.

Die niedersächsische Stadt Osnabrück ordnete für alle in der Stadt wohnenden Beschäftigten des Unternehmens 14 Tage Quarantäne an. Es sei nicht auszuschließen, dass die bei Tönnies Infizierten weitere Beschäftigte angesteckt hätten, teilte die Stadt mit. Die Quarantäne gelte sowohl für direkt bei Tönnies Beschäftigte als auch für Mitarbeiter von Subunternehmen. Das nordrhein-westfälische Rheda-Wiedenbrück ist mit dem Auto rund 70 Kilometer von Osnabrück entfernt.

Bereits am Donnerstag hatte der Landkreis Osnabrück für alle Tönnies-Mitarbeiter aus Rheda-Wiedenbrück, die im Osnabrücker Land wohnen, eine vierzehntägige Quarantäne angeordnet. Außerdem sollen Beschäftigte eines Tönnies-Schlachthofs in Badbergen wöchentlich auf Corona getestet werden. Ein Personalaustausch zwischen den Schlachthöfen ist inzwischen bis zum 29. Juni verboten. Auch im Kreis Warendorf sind alle Tönnies-Mitarbeiter unter Quarantäne gestellt.

Die Bundesregierung drang auf Eindämmung des Ausbruchs. Es komme jetzt darauf an, möglichst schnell die Infektionsketten zu unterbrechen, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Berlin. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sprach von einem "sehr schweren Ausbruchsgeschehen", das nun unter Kontrolle zu bringen sei. Dieser erneute Corona-Fall zeige, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei./tob/svv/DP/fba