AMSTERDAM (dpa-AFX) - Der Trend zum Online-Handel und zur Kartenzahlung hat den niederländischen Zahlungsabwickler Adyen in der Corona-Krise weiter angetrieben. Während der deutsche Rivale Wirecard nach einem milliardenschweren Bilanzskandal Ende Juni in die Pleite stürzte, verzeichnete Adyen im ersten Halbjahr deutliche Zuwächse bei Umsatz und operativem Gewinn. Der Einbruch der Reisebuchungen und die wochenlange Schließung vieler Landegeschäfte hinterließen jedoch auch bei Adyen deutliche Spuren.

An der Börse wurden die Nachrichten mit einem Kursrutsch quittiert. Für die Adyen-Aktie ging es am Morgen in Amsterdam um 4,82 Prozent abwärts auf 1389,50 Euro. Seit dem Jahreswechsel hat das Papier jedoch rund 90 Prozent an Wert gewonnen. Analysten hatten zwar für das zweite Quartal mit einem schwierigeren Geschäft als zuvor gerechnet, aber dennoch im Schnitt bessere Zahlen erwartet.

In den ersten sechs Monaten wickelte Adyen Zahlungen im Umfang von 129,1 Milliarden Euro ab und damit 23 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Einen kleinen Teil davon kassiert Adyen für die Abwicklung. Der Nettoumsatz legte in diesem Zuge um 27 Prozent auf knapp 280 Millionen Euro zu. Dabei federte der Boom des Online-Handels den Einbruch der Reisebuchungen und die wochenlange Schließung vieler Ladengeschäfte infolge der Pandemie ab.

Den stärksten prozentualen Umsatzzuwachs verzeichnete das Unternehmen in Nordamerika, wo die Erlöse um 58 Prozent anzogen. Allerdings blieb Europa trotz eines Wachstums von nur 21 Prozent mit Abstand der größte Markt. Der Kontinent stand damit immer noch für 63 Prozent von Adyens Erlösen.

Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) kletterte um 12 Prozent auf fast 141 Millionen Euro und lag damit bei rund 50 Prozent des Nettoumsatzes. Ein Jahr zuvor hatte diese Marge noch bei 57 Prozent gelegen. Adyen erklärte dies mit der Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter, die das Unternehmen beim geplanten Ausbau seines Geschäfts unterstützen sollen.

Unter dem Strich wurde der Zahlungsabwickler ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Weil der Wert der Adyen-Aktie zuletzt stark gestiegen war, musste das Unternehmen den Wert eines Finanzinstruments in seinen Büchern anpassen. Der Nettogewinn ging dadurch um 15 Prozent auf gut 78 Millionen Euro zurück.

Eine Prognose für die weitere Geschäftsentwicklung gab das Management weiterhin nicht ab. Der Zahlungsabwickler bestätigte allerdings die Mittelfristziele, die er sich bei seinem Börsengang im Jahr 2018 gesetzt hatte. So soll der Nettoumsatz im jährlichen Schnitt um einen mittleren Zwanziger- bis niedrigen Dreißiger-Prozentsatz steigen. Die Ebitda-Marge soll in diesem Zuge auf über 55 Prozent steigen.

Derzeit könnte den Niederländern die Pleite des deutschen Rivalen Wirecard in die Karten spielen. Der bisherige Dax -Konzern aus München hatte im Juni Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro einräumen müssten und wenige Tage später Insolvenz beantragt. Die Münchner Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von einem "gewerbsmäßigen Bandenbetrug" bei Wirecard aus, und zwar seit 2015. Der Konzern fliegt jetzt auch aus dem deutschen Leitindex.

Noch offen ist, ob sich ein Käufer für Wirecard findet. "Wir sind zuversichtlich, einen Investor für das Kerngeschäft zu finden, das erhebliche unternehmerische Chancen in einem enorm wachsenden Markt für einen Investor bietet", hatte der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé Ende Juli gesagt. Für das Kerngeschäft hätten 77 Interessenten Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnet. Der Geschäftsbetrieb solle fortgesetzt werden./stw/men/fba