(neu: Analystenstimmen, Aktienkurs)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Deutsche Bank <DE0005140008> versucht mit einem Radikalumbau den Befreiungsschlag: Der Abbau Tausender Arbeitsplätze, ein Ausstieg aus dem weltweiten Aktienhandel und milliardenschwere Investitionen in neue Technologie sollen die jahrelange Krise des größten deutschen Geldhauses beenden. Der Aufsichtsrat billigte am Sonntag nach mehrstündigen Beratungen die von Konzernchef Christian Sewing bereits im Mai skizzierten "harten Einschnitte".

Obwohl viele Punkte aus dem Sanierungsplan bereits vor Tagen durchgesickert waren, reagierten Anleger positiv überrascht auf den Umfang des Umbaus. Kurz nach Handelsstart legte die Deutsche-Bank-Aktie am Montag um 1,56 Prozent auf 7,287 Euro zu und lag damit an der Dax-Spitze. Das seit Jahren schwer gebeutelte Papier notiert spürbar höher als noch zum Jahreswechsel. Nach dem geplatzten Traum von einer Fusion mit der Commerzbank war der Kurs zwischenzeitlich bis auf 5,801 Euro abgesackt.

Rund 18 000 Vollzeitstellen will die Bank in den nächsten Jahren weltweit streichen - und das möglichst "sozialverträglich". Bis Ende 2022 soll die Zahl der Vollzeitstellen von zuletzt gut 91 500 auf etwa 74 000 sinken. In welchen Regionen wie viele Stellen wegfallen sollen, blieb zunächst offen.

"Da die Bank das Investment-Banking kappen will, dürfte der Stellenabbau vor allem Standorte wie London und New York treffen", sagte Banken-Experte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim der "Rheinischen Post" (Montag). Darüber hinaus erwartet der Professor für Bankwirtschaft aber auch Filialschließungen, "weil die Digitalisierung viele Stellen überflüssig macht".

Der Konzern will den Umbau selbst finanzieren und sich kein neues Kapital von den Aktionären besorgen. Die Anteilseigner sollen zwar für 2019 und 2020 erneut auf eine Dividende verzichten. Mit der Zeit werde die Bank über die Dividende aber auch Kapital an die Anleger zurückgeben. "Von daher ist das meines Erachtens auf mittlere und lange Sicht eine gute Nachricht für die Aktionäre", sagte Sewing dem Nachrichtensender n-tv.

Das Investmentbanking wird geschrumpft und soll sich künftig auf das Geschäft mit Krediten, Anleihen und Währungen sowie auf strategische Beratung konzentrieren. Aus dem weltweiten Aktienhandel zieht sich der Dax-Konzern zurück. Bilanzpositionen in Höhe von 74 Milliarden Euro will die Bank in einer internen Abwicklungseinheit abbauen.

Das deutsche Geschäft mit Firmenkunden und die Transaktionsbank werden in einem neuen Geschäftsbereich namens Unternehmensbank gebündelt. Die Transaktionsbank kümmert sich um den weltweiten Zahlungsverkehr sowie um Wertpapier- und Kreditgeschäfte für Unternehmen, Finanzinstitute und andere Großkunden.

Die Ratingagentur Moody's kommentierte, der Umbau sei ein "positiver Schritt in Richtung eines ausbalancierteren und nachhaltigeren Geschäftsmodells". Ihren negativen Ausblick für die Deutsche Bank behielt die Agentur aber vorerst bei - dies spiegele die "signifikanten Herausforderungen" wider, vor denen die Bank stehe.

Analyst Jernej Omahen von der US-Investmentbank Goldman Sachs zeigte sich von der Tiefe der Einschnitte überrascht. Er habe erwartet, dass sich die Deutsche Bank nur in einzelnen Regionen wie den USA und Asien aus dem Aktienhandel verabschiedet, aber nicht vollständig. Nun gelte der Ausstieg auch für den deutschen Heimatmarkt. Die hauseigene Bad Bank, die schwierige Bilanzteile abwickeln soll, falle größer aus als gedacht. Allerdings werde der Umbau auch deutlich teurer als zuvor in Medienberichten kolportiert.

Die Ziele, die sich der Vorstand für die Zeit nach dem Umbau gesetzt hat, hält Omahen unterdessen für ehrgeizig. So will die Bank ihre Erträge bis zum Jahr 2022 um auf 25 Milliarden Euro steigern - und die Rendite auf das materielle Eigenkapital auf mehr als acht Prozent steigern. Wenn die Umsetzung gelinge, könnte das Ergebnis je Aktie 2022 bei 2 Euro liegen, schrieb Analyst Daniele Brupbacher von der Schweizer Großbank UBS. Der faire Wert der Aktie könne dann auf 14,70 Euro steigen. Das entspräche etwa dem Doppelten des derzeitigen Kurses.

Insgesamt rechnet die Deutsche Bank mit 7,4 Milliarden Euro Kosten für die Umstrukturierung. Der Konzernumbau reißt Deutschlands größtes Geldhaus bereits im zweiten Quartal des laufenden Jahres tief in die roten Zahlen. Einschließlich der Belastungen für die Restrukturierung rechnet die Bank nach vorläufigen Zahlen mit einem Verlust von etwa 500 Millionen Euro vor Steuern und 2,8 Milliarden Euro nach Steuern im Zeitraum April bis Ende Juni. Die Zwischenbilanz für das zweite Quartal 2019 will der Konzern wie geplant am 24. Juli veröffentlichen.

Auch den Vorstand stellt das Institut neu auf. Gleich drei Vorstände werden die Bank zum 31. Juli verlassen: Investmentbankchef und Konzernvize Garth Ritchie, Privatkundenchef Frank Strauß und die für Regulierungsthemen zuständige Sylvie Matherat.

Die Deutsche Bank hat seit Jahren zu kämpfen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Deutschlands größtes Geldhaus seinen ersten Jahresgewinn seit 2014. Doch das erste Quartal des laufenden Jahres zeigte, wie angespannt die Lage nach wie vor ist: Die Deutsche Bank verdiente in den drei Monaten gerade einmal 201 Millionen Euro, während die US-Konkurrenz Milliardengewinne einfuhr. Für das Gesamtjahr 2019 drohen der Deutschen Bank erneut tiefrote Zahlen.

Aufsichtsratschef Paul Achleitner äußerte sich am Sonntag zuversichtlich: "Die Deutsche Bank hat in den vergangenen zehn Jahren eine schwierige Zeit durchlaufen. Mit der neuen Strategie haben wir jetzt allen Grund, zuversichtlich und selbstsicher nach vorne zu blicken."/stw/ben/fba