MÜNCHEN (dpa-AFX) - Beim Bayerischen Rundfunk (BR) treten eine Frau und zwei Männer zur Wahl für die Leitung des Senders ab dem nächsten Jahr an. In der Nachfolge des scheidenden Intendanten Ulrich Wilhelm könnte damit erstmals in der Geschichte der ARD-Anstalt ab Februar 2021 eine Frau an der Spitze stehen.

Für die Intendanz kandidieren: die Programmdirektorin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Katja Wildermuth, der BR-Verwaltungsdirektor Albrecht Frenzel und der Datenmanagement-Chef des öffentlich-rechtlichen Schweizer Radios und Fernsehens (SRF), Christian Vogg. Das teilte der Rundfunkrat des öffentlich-rechtlichen BR am Donnerstag in München mit.

Die Wahl ist für die nächste Sitzung des Rundfunkrats am 22. Oktober in München geplant. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre.

Wahlberechtigt sind die 50 Mitglieder des vom Sender unabhängigen Rundfunkrats. Nur sie durften Wahlvorschläge machen. Das Aufsichtsgremium setzt sich aus Vertretern politischer, weltanschaulicher und gesellschaftlicher Gruppen zusammen.

Wilhelm hatte im Juli bekanntgemacht, dass er nach zehn Jahren als Chef nicht mehr für eine dritte Amtszeit kandidiert. Sein Vertrag läuft Ende Januar nächsten Jahres aus.

In den insgesamt neun ARD-Landesanstalten gibt es derzeit in drei Häusern Frauen an der Spitze. Ein Frauennetzwerk innerhalb des BR hatte sich bereits öffentlich für eine Intendantin ausgesprochen, ohne sich auf Namen festzulegen. In den Medien wurde seither überwiegend über mögliche Frauen an der BR-Spitze spekuliert.

Das Frauennetzwerk zeigte sich nun enttäuscht, dass es bei den vielen "bestens geeigneten Frauen", die im Gespräch gewesen seien, nur eine auf die Wahlliste geschafft habe. "Das passt nicht zu den vollmundigen Ankündigungen von fast allen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen, nun erstmalig - in der 70-jährigen Geschichte des BR - eine Frau als Intendantin ins Amt zu bringen." Wildermuths Nominierung begrüßte das Netzwerk in einer Mitteilung.

Die 55-jährige Wildermuth ist seit 2019 MDR-Programmdirektorin. Die Journalistin, Historikerin und Medienmanagerin war zuvor mehrere Jahre beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) als Programmbereichsleiterin Kultur und Dokumentationen im Fernsehen tätig.

Bayern kennt sie aus früheren Jahren gut. Dort machte sie ihr Abitur. Sie studierte in München, wo sie auch in Alter Geschichte promovierte. In den 1990er Jahren war sie als Dozentin an der Ludwig-Maximilian-Universität tätig. Auch ihr Volontariat machte sie im Verlagsbereich in der bayerischen Landeshauptstadt.

Der in Gießen geborene promovierte Verwaltungswissenschaftler Frenzel (54) kam 2015 vom NDR zum BR. Auch beim NDR war er schon Verwaltungsdirektor. Seine größten Aufgaben sind vor allem Personal und Finanzen - gerade angesichts des Spardrucks. So war Frenzel Chefverhandler in der jüngsten Tarifrunde, bei der es erstmals in der BR-Historie mehrtägige Warnstreikaktionen mit Sendeausfällen gab.

Frenzel volontierte bei der "Schwäbischen Zeitung" und arbeitete als Lokalredakteur. Er studierte danach in Konstanz und promovierte in Halle-Wittenberg. Zu den Öffentlich-Rechtlichen kam er über den Süddeutschen Rundfunk (SDR) und den späteren Südwestrundfunk (SWR). Von 1999 an war er beim Kultursender ARTE und ab 2002 beim NDR.

Der gebürtige Augsburger Christian Vogg (55) ist in der Schweiz beim SRF seit mehreren Jahren als Chief Data Officer und Bereichsleiter Dokumentation und Archive tätig. Zu seinen früheren beruflichen Stationen zählen unter anderem der Westdeutsche Rundfunk (WDR), wo er etwa Koordinator für den Bereich Metadaten war. Zuvor war er auch journalistisch für den Sender tätig. Erfahrung sammelte er zudem als Radio- und Musikchef bei der Europäischen Rundfunkunion (EBU).

Gewählt ist als neue BR-Spitze, wer im Rundfunkrat die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhält. Bei Stimmengleichheit sollen notfalls mehrere Stichwahlen zwischen den zwei Erstplatzierten entscheiden. Die Wahl erfolgt nicht öffentlich und mit geheimer Stimmabgabe.

Der Rundfunkrat ist die unabhängige Kontrollinstanz unter anderem der Programmarbeit des Senders. Er ist auch entscheidend bei den wichtigsten Führungspositionen - ähnlich wie ein Aufsichtsrat in einem Konzern.

Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) wurde Patricia Schlesinger gerade erst für eine zweite Amtszeit als Intendantin bestätigt. Intendantinnen gibt es zudem unter den ARD-Landesanstalten bei Radio Bremen (Yvette Gerner) und beim MDR (Karola Wille).

Ein Wechsel in der Intendanz steht demnächst neben dem BR auch beim Saarländischen Rundfunk (SR) an. Dort will Amtsinhaber Thomas Kleist auf eigenen Wunsch zum Ende April 2021 ausscheiden.

Beim BR gibt es in der zweiten Führungsebene mit fünf Direktionen unmittelbar unter dem Intendanten aktuell vier Männer und eine Frau als Leitung. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender steht der BR vor großen Herausforderungen: ein massiver Medienwandel, die Folgen der Corona-Krise und der von der Politik geforderte Sparkurs.

Den Zahlen nach ist der BR unter den ARD-Landesanstalten die Nummer vier nach WDR, SWR und NDR. Für den Sender arbeiten rund 3500 fest Beschäftigte, 1700 arbeitnehmerähnliche Freie und gut 400 Gagenempfänger./rin/bsj/fd/DP/eas