PARIS (dpa-AFX) - Frankreichs Präsident Emmanuel Macon hat weitgehende Corona-Lockerungen angekündigt und will ab Mitte Mai Geschäfte, Kultureinrichtungen und Außenbereiche von Restaurants wieder öffnen. "Ab dem 19. Mai müssen wir unsere französische Lebensart wiederentdecken", sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit mehreren Regionalzeitungen. Schrittweise sollen dann weitere Öffnungen folgen, auch die strenge abendliche Ausgangssperre wird gelockert.

Damit dürfte Frankreich nun sehr bald einen deutlich anderen Weg als Deutschland gehen. "Das Leben der Nation lässt sich nicht auf die Entwicklung von Kurven reduzieren. Ich bin gezwungen, die Folgen der Schließung einer Schule zu betrachten, wenn ein Kind dort nicht seine Mahlzeit pro Tag bekommt, oder die Folgen, wenn ein Laden mehrere Wochen schließen muss", sagte er. All das müsse man berücksichtigen. "Der große Unterschied zum Oktober ist, dass wir heute einen Impfstoff haben, der einen nachhaltigen Weg aus der Krise bietet."

Konkret sieht Macrons Öffnungsplan vor, dass am 19. Mai der Beginn der landesweiten abendlichen Ausgangssperre von derzeit 19.00 Uhr auf 21.00 Uhr nach hinten verlegt wird. Zum 9. Juni soll die Sperrstunde dann erst um 23.00 Uhr beginnen. Dann sollen auch Cafés, Restaurants und Fitnessstudios komplett wieder öffnen dürfen. Ab dem 30. Juni soll die Ausgangssperre ganz wegfallen. Bei den Öffnungen sollen vorerst Beschränkungen bei den Besucherzahlen gelten.

Die Corona-Lage in Frankreich ist angespannt, hat sich aber zuletzt leicht verbessert. Zuletzt wurden gut 300 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche gezählt. Die Lage auf den Intensivstationen ist ernst. In dem Land mit rund 67 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wurden bisher mehr als 100 000 Corona-Tote gezählt. Seit Anfang April sind die Läden landesweit geschlossen, die Frühlings-Schulferien wurden vereinheitlicht und es gelten tagsüber zusätzliche Bewegungseinschränkungen.

Macron kündigte auch eine Art Notbremse an, falls sich die Lage wieder verschlechtern sollte. Kriterien dafür seien etwa eine Inzidenz von mehr als 400 und eine Überlastung der Intensivstationen. "Wir wurden von der Wissenschaft aufgeklärt und wir haben die Entscheidung getroffen, den Menschen an die erste Stelle zu setzen. Beim menschlichen Aspekt geht es nicht nur um Gesundheitsmanagement, sondern um alles, was das Leben von Frauen und Männern ausmacht", sagte Macron.

Der Staatschef kündigte außerdem eine Art Gesundheitspass an. Er sei zwar besorgt um die Einheit der Nation. "Andererseits wäre es an Orten, an denen sich Menschenmengen versammeln, wie zum Beispiel in Stadien, auf Festivals, Messen oder Ausstellungen, absurd, ihn nicht zu verwenden." Mit so einem Pass sollen die Menschen nachweisen können, dass sie geimpft oder negativ getestet seien. "Das ist fair und wird das Land nicht spalten." Die Priorisierung bei der Impfung gegen Covid-19 soll vorerst beibehalten werden. Ab dem 1. Mai sollen sich aber alle übergewichtigen Erwachsenen impfen lassen können.

Die Ankündigungen Macrons waren eigentlich für Freitag erwartet worden. Die Regionalzeitungen veröffentlichten das Gespräch nun aber schon vorher. Deutschland hat Frankreich aktuell als Hochinzidenzgebiet eingestuft. Die beiden Nachbarn waren bereits in der Vergangenheit immer wieder unterschiedliche Wege in der Krise gegangen. So setzt Frankreich stark auf Coronatests und testet auch mehr als Deutschland.

Gleichzeitig gab es in Frankreich immer wieder massive Bewegungseinschränkungen, eine abendliche Ausgangssperre gilt bereits seit vergangenem Herbst. Aktuell dürfen sich die Menschen in Frankreich ohne triftigen Grund tagsüber nicht weiter als zehn Kilometer von ihrer Wohnung entfernen. Diese Regelung wird Anfang Mai aufgehoben./nau/DP/jha