DÜSSELDORF (dpa-AFX) - Die Krankenhausgesellschaft hat der Politik bei der Pandemie-Bekämpfung folgenschwere Versäumnisse vorgeworfen und eindringlich vor einer Überlastung der Kliniken gewarnt. "Die Lage in deutschen Krankenhäusern ist dramatisch in vielen Regionen", sagte der Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, am Montag in Düsseldorf. Schwerkranke Patienten müssten bereits regional und überregional verlegt werden. Auf den Intensivstationen würden aktuell 3100 Covid-19-Patienten versorgt und ein Spitzenwert von 4000 Patienten werde nicht zu verhindern sein. Man sei in großer Sorge, "dass es noch darüber hinausgeht".

In den vergangenen 20 Monaten der Pandemie habe es die Politik nicht geschafft, die Bevölkerung "noch stärker mitzunehmen", monierte Gaß zum Start des Deutschen Krankenhaustags im Rahmen der Medizinmesse "medica". Er nannte es einen schweren Fehler, dass es noch immer keinen kontinuierlich tagenden Krisenstab mit Wissenschaftlern und Medizinern gebe. Eine neue Bundesregierung müsse das dringend nachholen, mahnte er mit Blick auf die aktuellen Koalitionsgespräche von SPD, Grünen und FDP für eine Ampel-Regierung.

Das Krankenhauspersonal habe in den vergangenen 20 Monaten Enormes geleistet. "Wir müssen aber feststellen, dass der Frust auch in den Kliniken groß ist." Man habe bereits Personal verloren. "Unsere Kapazitäten sind endlich", stellte der DKG-Vorsitzende fest. Dass nun bei den anstehenden Auffrischungsimpfungen mancherorts die Kliniken "die Kohlen aus dem Feuer holen" sollten, nachdem zuvor die Impfzentren in weiten Teilen geschlossen worden seien, gehe nicht.

Es brauche zudem eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Dass Arbeitgeber die Beschäftigten nicht fragen dürfen, ob sie geimpft sind, halte er für nicht nachvollziehbar. "Das Thema Impfen ist keine Privatangelegenheit", betonte Gaß. Es handle sich auch um einen "Akt der Solidarität."

Von akutem Handlungsbedarf angesichts einer Sieben-Tage-Inzidenz von 303 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche sprach auch der Präsident des Verbands der Leitenden Krankenhausärzte (VLK), Michael Weber. Man werde dringende Operationen aufschieben müssen. Schwerkranke Patienten würde unverschuldet Schaden nehmen, weil sich andere Bürger nicht impfen lassen wollten. Die Politik solle auf die Wissenschaft hören. Und: "Es darf keine Tabus geben", forderte Weber und nannte etwa Kontaktbeschränkungen oder Einführung einer 2G-Regelung. Zweifelhaft sei, "ob das die richtige Zeit ist für Karnevalsveranstaltungen".

Drastisch habe sich die Situation in der Pflege zugespitzt, nachdem die Missstände schon seit vielen Jahren bekannt seien, kritisierte Sabine Berninger vom Bundesvorstand des Berufsverbands für Pflegeberufe. "Jetzt stehen wir mit dem Rücken zur Wand." Viele Fachkräfte seien ausgestiegen, Neueinsteiger seien rar. "Die Pflege in den deutschen Kliniken befindet sich in einer Abwärtsspirale." Die Corona-Krise habe das noch beschleunigt.

In der neuen Legislatur müsse man schnell gegensteuern und investieren, das Personal vor körperlicher und seelischer Überlastung schützen, sagte Berninger. Gaß forderte einen "wirksamen Rettungsschirm 3.0" für die Kliniken. Da viele die Regelversorgung in der Pandemie zurückgefahren hätten, um für Covid-19-Patienten paratzustehen, seien teils erhebliche Verluste entstanden. Auch bei der Digitalisierung brauche es mehr Tempo und Investitionsmittel in Milliardenhöhe, schilderte der Verband der Krankenhausdirektoren bei der Online-Veranstaltung./wa/DP/ngu