ESSEN/LONDON (dpa-AFX) - Der britische Konzern Liberty Steel will die verlustträchtige Stahlsparte von Thyssenkrupp übernehmen. Liberty Steel habe ein nicht-bindendes Angebot vorgelegt, wie das Unternehmen am Freitag in London mitteilte. Zu einem möglichen Kaufpreis äußerte sich Liberty Steel nicht. Das Angebot sei nicht exklusiv, und es sei nicht sicher, ob die Verhandlungen zu einer Vereinbarung oder einer Transaktion führen würden. Zuvor hatten bereits mehrere Medien über eine bevorstehende Offerte berichtet. Die Gewerkschaft IG Metall sprach sich sogleich gegen eine Übernahme aus.

Der Zusammenschluss wäre wirtschaftlich, sozial und ökologisch der richtige Schritt, erläuterte Liberty Steel. Zudem ergänzten sich Werke, Produktportfolio, Kunden und geografische Präsenz beider Unternehmen sehr gut. Liberty Steel kommt nach eigenen Angaben umgerechnet auf einen Jahresumsatz von rund 13 Milliarden Euro und beschäftigt 30 000 Mitarbeiter an mehr als 200 Standorten auf vier Kontinenten.

Man werde sich das Angebot sorgfältig anschauen, hieß es in einer ersten Reaktion von Thyssenkrupp. "Gleichzeitig werden wir die Gespräche mit anderen potenziellen Partnern in gleicher Weise wie bisher konsequent fortsetzen. Unser Ziel ist es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden". Auch der schwedischen SSAB sowie der Tata Steel Europe sollen Interesse haben.

Die Aktie von Thyssenkrupp sprang zu Handelsbeginn um 24 Prozent nach oben, gab Gewinne aber zum Teil wieder ab. Am späten Vormittag liegt das Papier noch rund 16 Prozent im Plus.

Thyssenkrupp prüft derzeit alle Optionen für sein unter der Corona-Pandemie besonders leidendes Geschäft. Möglich sind Partnerschaften, ein Teil- oder Komplettverkauf. Es gebe keine "Denkverbote", hatte Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz zuletzt erklärt. Die Sparte leidet unter der hohen Abhängigkeit der derzeit schwächelnden Automobilindustrie, die gesamte Branche steht unter Preisdruck und kämpft mit zu hohen Kapazitäten. Zudem sind hohe Investitionen in eine klimaschonende Produktion nötig. Der Konzern hatte bereits einmal versucht, sein Stahlgeschäft mit Tata Steel Europe zusammenzulegen, war aber an der europäischen Kartellbehörde gescheitert.

Ende Juli hatten die Essener die Aufzugsparte für gut 17 Milliarden Euro an Finanzinvestoren verkauft und sich finanziell damit Luft verschafft. Thyssenkrupp braucht seit Jahren Geld, um den Konzernumbau zu stemmen und die Schulden zu senken. Die Corona-Krise macht den Essenern bei den ursprünglichen Plänen jedoch einen Strich durch die Rechnung, in diesem Geschäftsjahr erwarten sie einen Milliardenverlust.

Die IG Metall hatte vor einigen Tagen einen Einstieg des Staates in die Stahlsparte des Konzerns als Rettungsmaßnahme gefordert. Aus der Politik waren aber ablehnende Signale gekommen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte erklärt, staatliche Beteiligungen an Thyssenkrupp stünden "derzeit nicht auf der Tagesordnung".

Von der Gewerkschaft kamen nach der Ankündigung von Liberty Steel negative Signale. "Wir brauchen keinen neuen Eigentümer, sondern zusätzliches Kapital und das hat Liberty auch nicht", sagte das Vorstandsmitglied Jürgen Kerner der dpa am Rande einer Kundgebung in Düsseldorf. Eine Übernahme durch Liberty Steel löse keines der Probleme.

Der nordrhein-westfälische Bezirksleiter Knut Giesler ergänzte: "Wer meint, in einem Ein-Euro-Laden Thyssenkrupp billig kaufen zu können, ist nicht der richtige Partner." Liberty Steel habe kein industrielles Konzept, sondern betreibe bislang nur Billigstandorte. Die IG Metall bekräftigte ihre Forderung nach einem Staatseinstieg bei Thyssenkrupp./nas/ngu/mis