BRÜSSEL/MINSK (dpa-AFX) - Die Opposition in Belarus (Weißrussland) erhofft sich vom EU-Sondergipfel ein deutliches Unterstützungssignal: Die Staats- und Regierungschefs sollten die jüngste Wahl von Präsident Alexander Lukaschenko nicht anerkennen. Die Präsidentenkandidatin Swetlana Tichanowskaja sagte in einer am Mittwoch veröffentlichten Videobotschaft, die Abstimmung am 9. August sei illegal gewesen.

Der Vorsitzende der EVP-Fraktion im EU-Parlament, Manfred Weber, sagte der "Bild": "Wir brauchen einen friedlichen Wechsel hin zu einem freien und demokratischen Belarus. Lukaschenko muss zurücktreten." Unterdessen gingen die Proteste in Belarus weiter.

Bei einer außerplanmäßigen Videokonferenz zum Thema Belarus wollten die EU-Staaten über den weiteren Umgang mit der politischen Krise in dem zwischen Russland und EU-Mitglied Polen gelegenen Land beraten. Der Gipfel begann am Mittag.

Erwartet wurde, dass die Staats- und Regierungschefs ganz klar machen, dass die EU an der Seite der friedlich demonstrierenden Menschen steht und das Ergebnis der Präsidentenwahl wegen klarer Hinweise auf Manipulationen nicht anerkennt.

Lukaschenko riet aber der EU, sich lieber mit eigenen Problemen zu befassen. "Bevor sie mit dem Finger auf uns zeigen, sollten sie die Themen wie die "Gelbwesten" in Frankreich oder die schrecklichen Unruhen in den USA auf die Tagesordnung ihrer Treffen setzen." Dagegen setzt die Opposition auf Unterstützung von außen.

"Verehrte Anführer Europas, ich rufe Sie dazu auf, das Aufwachen von Belarus zu unterstützen", appellierte Tichanowskaja aus ihrem Exil im EU-Land Litauen. Sie betonte in der Videobotschaft auf Englisch, dass es hier um eine Anerkennung des internationalen Rechts des Volkes gehe, seine eigene Wahl zu treffen. Die 37-Jährige hatte aus Angst um ihre Sicherheit und die ihrer Kinder Belarus verlassen.

Ihre Anhänger halten sie für die wahre Siegerin der Abstimmung. Die Wahlkommission hatte aber Lukaschenko 80,1 Prozent der Stimmen zugesprochen. Nach 26 Jahren an der Macht will er nun eine sechste Amtszeit antreten. Bei öffentlichen Auftritten zeigte er sich zuletzt kämpferisch. Er lehnte mehrfach eine Machtübergabe kategorisch ab.

Lukaschenkos Gegner können sich eine Vermittler-Rolle auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel vorstellen. "Natürlich begrüßen wir jeden Versuch, einen Dialog in der Zivilgesellschaft zu organisieren", sagte die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa vom Koordinierungsrat der Deutschen Presse-Agentur in Minsk. "Mir ist bisher nicht klar, worauf Merkel und Putin bestehen." Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor das Ausland vor einer Einmischung in Belarus gewarnt.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte dem "Tagesspiegel": "Die Kanzlerin muss in Brüssel zusammen mit ihren europäischen Amtskollegen bekräftigen, dass die EU Lukaschenko nicht als gewählten Präsidenten von Belarus anerkennt."

Dort wollte am Mittwoch ein Koordinierungsrat der Opposition für einen friedlichen Machtwechsel offiziell seine Arbeit aufnehmen. International bekannteste Vertreterin in dem Gremium mit Vertretern der Zivilgesellschaft ist die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Der Rat strebe einen Dialog mit dem Machtapparat an, sagte Tichanowskaja.

Der autoritäre Präsident kündigte aber an, gegen das Gremium vorzugehen. "Ich will daran erinnern: Die Schaffung von alternativen, parallelen und sonstigen Gremien mit dem Ziel der Machtergreifung wird mit dem Gesetz bestraft", sagte er. Zuvor hatte er der Opposition vorgeworfen, illegal die Macht an sich reißen zu wollen.

In Belarus dauern die Proteste an - den elften Tag in Folge. In Staatsbetrieben legten wiederum Beschäftigte die Arbeit nieder, allerdings weniger als zu Wochenbeginn, wie das unabhängige Portal tut.by berichtete. Am Minsker Traktorenwerk MTZ nahm die Polizei nach eigenen Angaben zwei Demonstranten fest. Die Beamten hätten die Menge zuvor aufgerufen, die Kundgebung vor dem Werk zu beenden. Protestaktionen gab es auch in anderen Städten des Landes.

Auch Unterstützer Lukaschenkos versammelten sich zu Straßenprotesten. Die Demonstrationen des Regierungslagers begannen erst am Sonntag./cht/DP/stw