CAMBRIDGE (dpa-AFX) - Der US-Pharmakonzern Biogen hat einen schweren Rückschlag erlitten. Das Unternehmen und sein Forschungspartner Eisai haben sich entschieden, ihre Studien mit ihrem Medikamentenkandidaten Aducanumab zu stoppen - ausgerechnet in der bereits weit fortgeschrittenen Phase III. Das Mittel galt bisher als die größte Hoffnung der Branche. Die Biogen-Aktie brach im vorbörslichen Handel am Donnerstag zeitweise um mehr als ein Viertel ein.

Der Studien-Flop ist nicht nur für viele Alzheimer-Patienten eine herbe Enttäuschung, sondern auch für den Konzern selbst. Denn Biogen steht immens unter Druck, seine Pipeline mit neuen Mitteln aufzufüllen. Der Konzern verliert vor allem im für ihn wichtigen Geschäft mit Multiple-Sklerose-Mitteln derzeit Boden an die Konkurrenz.

Die Branche hatte daher mit äußerster Spannung auf die Ergebnisse aus der Studie gewartet, die nach zahlreichen Flops in der Alzheimer-Forschung in den vergangenen Jahrzehnten schon als der "heilige Gral" hofiert wurden.

Doch das Mittel entpuppt sich nun als wenig wirksam: Wie Biogen und Eisai nach eingehender Analyse mitteilten, hätten die Studien deshalb keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Getestet wurde das Mittel an Patienten mit leichten kognitiven Ausfällen durch Alzheimer und einer leichten Demenz.

Schätzungen zufolge leiden weltweit rund 50 Millionen Menschen an Alzheimer, Tendenz steigend. Bislang ist es der Wissenschaft nicht gelungen, ein Mittel gegen die Krankheit zu finden. Auch die Ursachen der Krankheit, die die Nervenzellen im Hirn mit der Zeit zerstört, sind noch immer nicht hinreichend geklärt. Aktuell konzentriert sich die Forschung darauf, das Ausbrechen von Alzheimer zu verzögern. Biogen galt in seinen Studien als am weitesten fortgeschritten.

"Diese Enttäuschung bestätigt die Komplexität der Behandlung von Alzheimer und die Notwendigkeit, unser Wissen in den Neurowissenschaften weiter zu verbessern", sagte Biogen-Konzernchef Michel Vounatsos laut Mitteilung.

Nun dürfte sich der Fokus auf andere Unternehmen konzentrieren. In Europa etwa forschen die beiden Schweizer Pharmakonzerne Novartis und Roche an der Krankheit. Roche hatte nach einem Rückschlag vor vier Jahren die Tests wieder aufgenommen, aber bereits einige Studien wieder gestoppt. In Deutschland beschäftigt sich die kleine Firma Probiodrug aus Halle mit dem Thema - erst gerade erhielten die Ostdeutschen für ihre Studien millionenschwere Fördermittel der US-Gesundheitsbehörde.

Biogen selbst prophezeiten Analysten erst kürzlich einen deutlichen Wertverfall an der Börse, sollte die Studie die erhofften Erfolge nicht bringen. Nach Einschätzung von Salim Syed vom Finanzdienstleister Mizuho ist das Produktportfolio des Konzerns - ausschließlich der Medikamente in der Forschungspipeline - rund ein Drittel weniger wert, als das Papier zuletzt gehandelt wurde.

Biogen-Chef Vounatsos hat deshalb die Fühler bereits anderweitig ausgestreckt in das zunehmend wichtiger werdende Feld der Gentherapie: Erst Anfang März verkündete das Unternehmen hierfür die Übernahme von Nightstar Therapeutics für rund 877 Millionen Dollar./tav/elm/jha/