BERLIN (dpa-AFX) - Unter dem Einfluss der ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus steigt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland seit zwei Wochen kontinuierlich an. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von Dienstagmorgen steckten sich binnen sieben Tagen 10,9 Menschen pro 100 000 Einwohner an. Am Vortag hatte der Wert 10,3 betragen und beim jüngsten Tiefststand am 6. Juli 4,9. Damit hat sich die Inzidenz in rund zwei Wochen mehr als verdoppelt.

Die Gesundheitsämter meldeten laut RKI zuletzt binnen eines Tages 1183 Neuinfektionen. Das entspricht einer Erhöhung um rund 83 Prozent im Vergleich zum Dienstag vergangener Woche, als 646 Ansteckungen verzeichnet wurden.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnte davor, die Corona-Beschränkungen in Deutschland auf einen Schlag aufzuheben. "Jetzt die Einschränkungen unserer Kontakte einfach fallen zu lassen und "alles zu öffnen" wäre brandgefährlich", sagte Montgomery den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag). Wer dies tue, riskiere den Einstieg in die vierte Welle. Es müsse stattdessen schrittweise und kontrolliert vorgegangen werden.

Es seien hoffnungsfrohe Botschaften, dass die Therapien sich verbessert hätten, Intensivstationen mehr Erfahrung hätten und Geimpfte weniger schwere Verläufe erleben würden, sagte Montgomery. Man dürfe nicht vergessen, wie trügerisch die Infektionszahlen im letzten Sommer dahergekommen seien, "und welche destruktive Kraft das Virus danach entwickelte". Die vierte Welle werde kommen - "ob als leises Plätschern oder als wilde Brandung - das hängt von uns ab."

"Es wird sich vielleicht noch als Riesenfehler erweisen, wenn wir bei Kindern und jungen Menschen jetzt die Fallzahlen explodieren lassen", warnte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Dienstag bei Twitter. Dann könnten Virusvarianten entstehen, "die noch viel stärker als Delta bereits Geimpfte schwer erkranken lassen können".

Nach den jüngsten RKI-Daten von vergangener Woche scheint der Inzidenz-Anstieg in Deutschland bisher vor allem jüngere Menschen zu betreffen. Neue Daten zu Altersgruppen werden für Donnerstag erwartet

- von dieser Woche an will das Institut an dem Tag einen

ausführlichen Wochenbericht über viele Pandemie-Werte vorlegen. Montags bis freitags erscheinen laut RKI nun verkürzte Situationsberichte.

Die derzeitige Lage halte er für eher unproblematisch, erklärte der Epidemiologe Hajo Zeeb auf dpa-Anfrage. Durch den Rückreiseverkehr in naher Zukunft müsse man aber mit stärker steigenden Zahlen rechnen. Dies betreffe besonders die jüngeren Ungeimpften - "das wird sich nur bedingt ändern, auch wenn die Zahl der Fälle unter vollständig Geimpften vermutlich nach und nach zunimmt". Diese Gruppe mache zumindest bei Krankenhausbehandlungen in Großbritannien schon jetzt einen substanziellen Anteil aus.

Die Inzidenz war in der Pandemie bisher Grundlage für viele Corona-Einschränkungen, etwa im Rahmen der Ende Juni ausgelaufenen Bundesnotbremse. Künftig sollen daneben nun weitere Werte wie Krankenhauseinweisungen stärker berücksichtigt werden.

Deutschlandweit wurde den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 34 Todesfälle verzeichnet. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 3 746 410 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3 641 000 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 91 397.

Die für die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus entscheidende Reproduktionszahl, der sogenannte R-Wert, lag nach RKI-Daten vom Dienstag bei 1,16 und befand sich damit seit rund zwei Wochen über dem Wert von 1. Die Zahl bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 116 weitere Menschen anstecken. Liegt der Wert anhaltend über 1, steigen die Fallzahlen./jjk/ggr/DP/he