FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Chef des Softwareanbieters Teamviewer erwartet für die deutsche Wirtschaft einen Digitalisierungsschub. Es gebe derzeit schon eine ganze Reihe sehr spannender Start-Ups im Softwarebereich, die schon eine gewisse Größe bekommen hätten, sagte Vorstandschef Oliver Steil am Dienstagabend in Frankfurt vor Journalisten. Die traditionell starke deutsche Industrielandschaft stehe vor einem Wandel. "Ich glaube, es wird sich jetzt ändern, weil wir in vielen dieser großen Industrieunternehmen sehen, dass (...) Software Name of the Game ist." Viele Universitäten bildeten in dieser Richtung aus. "Und deshalb wird sich da was verschieben." Covid, Umweltdebatte und E-Mobilität seien "Weckrufe", die gehört worden seien.

Kürzlich hatte der noch vergleichsweise junge MDax -Konzern seinen ersten Zukauf mit der Bremer Firma Ubimax getätigt, die Spezialist im Bereich "Augmented Reality" (zu deutsch etwa: Erweiterte Realität) ist. Monteure, Servicetechniker und Facharbeiter sollen sich so mit Teamviewer-Software etwa Bau- und Schaltpläne für Maschinen in der Industrie auf Handy und Datenbrillen schicken lassen können. Generell will Teamviewer mit der Vernetzung von Geräten (IoT) und Augmented Reality neue Wachstumsfelder für sich erschließen.

"Ob wir jetzt weitere Transaktionen machen, will ich mal nicht ausschließen", sagte Steil. Für das Wachstum in neuen Anwendungsbereichen müsste sich Teamviewer ansonsten Kompetenz langwierig selbst erarbeiten. Logischerweise seien interessante Gebiete für Zukäufe dann "Felder, die nicht der klassische IT-Support sind." Für ein Unternehmen der Größe von Teamviewer mache es daher auch Sinn, "eine gute Portion Cash auf der Bilanz zu haben."

Teamviewer gilt als Krisengewinner, die im Dezember in den MDax aufgestiegene Aktie hat in den vergangenen Monaten von der Fantasie der Anleger rund um das Home Office in der Corona-Krise profitiert. Teamviewer bietet vor allem Software für das Fernsteuern von Rechnern und für Videokonferenzen an. Erst im September des vergangenen Jahres für 26,25 Euro an die Börse gegangen tat sich das Papier der Göppinger lange schwer und musste auch im Corona-Crash zunächst Federn lassen. Mittlerweile kostet die Aktie rund 42 Euro, fast doppelt so viel wie im Corona-Tief bei gut 22 Euro. Zwischenzeitlich war sie aber in der Spitze auch schon fast 55 Euro wert. Der Finanzinvestor Permira hält noch rund 39 Prozent der Anteile, will aber nach und nach weiter reduzieren.

"Was sicherlich unser Ziel ist, ist im Bereich IoT, im Bereich Augmented Reality, im Bereich industrieller Prozesse wirklich eine Rolle zu spielen und da eine entsprechende Größe zu haben", sagte Steil. Was allerdings in zehn Jahren sei, sei komplett unvorhersehbar. Es habe auch in der Vergangenheit sicher das Interesse großer Firmen gegeben, Teamviewer zu übernehmen. Allerdings zeichne die Unabhängigkeit von technischen Ökosystemen großer Konzerne Teamviewer auch aus.

"Es ist schon so, dass diese Connectivity, wie wir sie nennen, die wir zwischen allen Geräten erzeugen, schon ein Stück weit auch von der Neutralität lebt. Wir gehören weder in die Apple-Welt, noch in die Microsoft-Welt, noch in die Google-Welt." Auch bei der Hardware der Maschinen sei Teamviewer nicht an bestimmte Hersteller gebunden wie Siemens oder General Electric (GE). "Wir sind agnostisch, wir verknüpfen einfach alles, was da draußen stattfindet und haben Partnerschaften mit allen diesen Anbietern von Software und Hardware. Das hat sich über die Jahre als Positionierung als sehr, sehr stark herausgestellt."/men/ssc/stk