HANNOVER (dpa-AFX) - Für den Rückversicherer Hannover Rück hat das Jahr bereits reichlich Katastrophen gebracht: Neben Stürmen in Europa und Überschwemmungen in Australien zehrten die Folgen des Ukraine-Kriegs und Belastungen durch die Corona-Pandemie im ersten Quartal am Gewinn. Wie teuer der Krieg die Hannover Rück und die Versicherungsbranche letztlich zu stehen kommt, wagte der Vorstand am Mittwoch noch nicht abzuschätzen. Das liegt auch an ungeklärten Rechtsfragen - etwa mit Blick auf hunderte Flugzeuge, die Leasingfirmen an russische Fluggesellschaften verloren haben. Dennoch peilt das Management 2022 weiter den höchsten Gewinn der Geschichte an.

An der Börse kamen die Nachrichten gut an. Die Hannover-Rück-Aktie legte im frühen Handel bis zu 3,4 Prozent auf 151,80 Euro zu, konnte die Gewinne aber nicht ganz halten. Nach rund einer Handelsstunde gehörte sie aber mit einem Plus von eineinhalb Prozent immer noch zu den größten Gewinnern im Leitindex Dax , in den sie im März aufgestiegen war. Seit Ende 2021 hat das Papier damit aber immer noch etwas mehr als zehn Prozent eingebüßt.

Im ersten Quartal verdiente der weltweit drittgrößte Rückversicherer unter dem Strich knapp 264 Millionen Euro und damit rund 14 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, wie er am Morgen in Hannover mitteilte. Analysten hatten im Schnitt mit einem stärkeren Einbruch gerechnet.

Dabei schlugen die Überflutungen in Australien mit 186 Millionen Euro zu Buche. Für die Zerstörungen durch die Stürme "Ylenia" und "Zeynep" in Europa musste die Hannover Rück netto mit 124 Millionen Euro geradestehen. Zudem kosteten die vielen Sterbefälle infolge der Pandemie den Konzern 123 Millionen Euro. Die coronabedingten Belastungen dürften in nächster Zeit aber weiter zurückgehen, schätzt Finanzchef Clemens Jungsthöfel.

Für das laufende Jahr rechnet der Vorstand weiter mit einem Nettogewinn von 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro. Daran sollen auch die bereits hohen Großschäden und der Krieg nichts ändern.

"Während das Leid, das Russland im Krieg gegen die Ukraine ausgelöst hat, uns alle bestürzt, lassen sich die wirtschaftlichen Folgen aus heutiger Sicht noch nicht konkret beziffern", sagte Vorstandschef Jean-Jacques Henchoz. Im ersten Quartal legte die Hannover Rück für mögliche Belastungen aus dem Krieg 100 bis 200 Millionen Euro zurück, wie Jungsthöfel in einer Telefonkonferenz sagte. Konkrete Schadenmeldungen gebe es bisher kaum.

Immerhin konnte der Rückversicherer bisher keine Schäden durch Hackerangriffe im Zusammenhang mit dem Krieg ausmachen. In ihren Rückstellungen hat die Hannover Rück bisher vor allem Schäden an Infrastrukturanlagen, Lagerhallen, Schiffen und Waren berücksichtigt. Im normalen Rückversicherungsgeschäft seien Kriegsfolgen vertraglich in der Regel ausgeschlossen, sagte Jungsthöfel. Allerdings gebe es Zusatzpolicen, die über den Londoner Versicherungsmarkt Lloyd's abgeschlossen wurden.

Noch gar nicht berücksichtigt hat die Hannover Rück den Fall, dass russische Fluggesellschaften seit Kriegsbeginn hunderte geleaste Flugzeuge nicht mehr an deren Eigentümer im Ausland zurückgeben. Die Ratingagenturen Fitch und Moody's gingen für die Versicherungsbranche deshalb zuletzt von einem möglichen Schaden von etwa zehn Milliarden US-Dollar (9,5 Mrd Euro) aus. Allein der weltgrößte Flugzeugfinanzierer AerCap hat nach eigenen Angaben bei der Assekuranz Schäden von etwa 3,5 Milliarden Dollar angemeldet.

Allerdings ist umstritten, ob die Versicherer dafür in diesem Umfang haften. Laut dem Chef des Londoner Versicherungsmarkts Lloyd's, John Neal, muss die Branche voraussichtlich nur für 10 bis 15 Prozent der Summen geradestehen. Nach Einschätzung Jungsthöfels werden diese Fragen letztlich vor Gerichten geklärt. Er erwartet eine Entscheidung nicht vor 2024.

Unterdessen baut die Hannover Rück ihr Geschäft weiter aus. Im ersten Quartal erzielte der Konzern Bruttoprämien von 9,3 Milliarden Euro und damit fast 20 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Und bei der Vertragserneuerung im Schaden- und Unfallgeschäft zum 1. April erhöhte er sein Prämienvolumen um mehr als 17 Prozent und konnte bei seinen Kunden bereinigt um Inflation und Risiken im Schnitt 3,7 Prozent höhere Preise durchsetzen. Bei den Neuverhandlungen ging es vor allem um Verträge im asiatisch-pazifischen Raum, in Nordamerika sowie Teile des Spezialgeschäfts.

Auch bei den Verhandlungen im weiteren Jahresverlauf rechnet die Hannover Rück damit, bei ihren Kunden - also Erstversicherern wie Allianz und Axa - höhere Preise durchsetzen zu können. Jungsthöfel zeigte sich zuversichtlich, dass der Rückversicherer damit auch die Folgen der stark gestiegenen Inflation abfedern kann. Der allgemeine Preisanstieg macht auch die Schäden teurer, die die Versicherungsbranche begleichen muss.

Der allgemeine Zinsanstieg kommt dem Unternehmen dabei zupass. Im ersten Quartal erzielte die Hannover Rück aber vor allem dank alternativer Anlagen eine Kapitalanlagerendite von - aufs Jahr gerechnet - 3,1 Prozent. Damit lag sie deutlich über ihrem Jahresziel von 2,3 Prozent. Dabei profitierte das Unternehmen auch von Investitionen in inflationsgebundene Anleihen./stw/zb/jha/