MÜNCHEN (dpa-AFX) - Wacker Chemie wird nach deutlichen Umsatz- und Gewinnzuwächsen zum Jahresstart optimistischer für 2021. Das Unternehmen profitiert mit seinen Polymeren, die in Klebstoffen, Bodenbelegen, Farben, aber auch in Beton beigemengt werden, vom Bauboom. Zudem sind die Silikone des Konzerns - vielseitig einsetzbare Kunststoffe - gefragt, etwa in der Auto- und Elektronikindustrie sowie bei Textilherstellern und Medizintechnikunternehmen. Das Geschäft mit Solarsilizium läuft ebenfalls seit einiger Zeit wieder besser. Für Gegenwind sorgen indes hohe Rohstoffkosten und der starke Euro. Anleger hatten sich offenbar mehr erhofft. Die zuletzt stark gelaufenen Aktien gerieten am Freitag unter Druck.

"Insbesondere die Nachfrage nach Polysilizium für Solar- und Halbleiteranwendungen hat sich in den vergangenen Monaten sehr positiv entwickelt," sagte Konzernchef Rudolf Staudigl laut Mitteilung vom Freitag. Auch seien die Preise gestiegen, sie dürften in den kommenden Monaten stabil bleiben.

Für 2021 rechnet Staudigl nun mit einem Umsatzwachstum im niedrigen zweistelligen Prozentbereich und mit einem Anstieg des operativen Ergebnisses (Ebitda) um 15 bis 25 Prozent. Bislang hatten die Bayern ein Umsatzplus im mittleren einstelligen Prozentbereich sowie einen Ebitda-Anstieg um maximal 20 Prozent avisiert. 2020 hatte Wacker einen Umsatz von knapp 4,7 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis von gut 666 Millionen Euro erzielt.

Der anhaltend hohe Nachfrage in nahezu allen Produktbereichen und den steigenden Polysiliziumpreisen stehen allerdings höhere Rohstoffkosten und Belastungen durch den starken Euro entgegen. Wacker Chemie rechnet hier nun mit einem Gegenwind von mehr als 200 Millionen Euro für das operative Ergebnis. Das ist in etwa doppelt so viel wie bislang vom Management kalkuliert.

Analyst Markus Mayer von der Baader Bank sprach in einer ersten Reaktion von einem weiterhin sehr vorsichtigen Ausblick und verwies dabei auch auf nach wie vor vorhandene Corona-Risiken, wie der Blick nach Indien und Brasilien zeige. Wenngleich der Konzern die Markterwartungen im ersten Quartal deutlich übertroffen habe, hinke der Gewinnausblick für 2021 der durchschnittlichen Analystenschätzung hinterher, erklärte der Experte.

Die Aktien fielen kurz nach dem Handelsstart um knapp fünf Prozent auf 122,40 Euro. Allerdings haben die Papiere ihren Wert auf Sicht von zwölf Monaten damit immer noch mehr als verdoppelt. Erst vor wenigen Tagen hatten die Titel ein Mehrjahreshoch von 133 Euro erreicht. Baader-Analyst Mayer sowie die Experten der britischen Bank Barclays sehen Kursschwächen allerdings als Kaufgelegenheiten. "Der neue Ausblick lässt Spielraum für mehr," schrieben die Barclays-Analysten in einer ersten Einschätzung.

Im abgelaufenen ersten Quartal stieg der Umsatz im Jahresvergleich um mehr als 13 Prozent auf 1,36 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte um mehr als 41 Prozent auf gut 246 Millionen Euro zu. Unter dem Strich blieben 106,6 Millionen Euro hängen und damit über 50 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Einer noch stärkeren Entwicklung standen hohe Rohstoffkosten und negative Folgen des stärkeren Euro im Weg. Allerdings dürfte der Anstieg der Rohstoffpreise nach und nach an die Kunden weitergereicht werden, wie Analyst Oliver Schwarz von Warburg Research jüngst schrieb. Der Druck auf die Gewinnmargen dürfte ab dem zweiten Halbjahr nachlassen.

Im Fokus steht aktuell zudem die kleinste Sparte Biosolutions rund um biopharmazeutische Produkte, die in den kommenden Jahren kräftig wachsen soll. So ist Wacker schon länger als Auftragsfertiger und Zulieferer für Pharmaunternehmen aktiv. Zwar ging das operative Ergebnis in diesem Bereich im ersten Quartal im Jahresvergleich zurück, das lag aber an Kosten für die Integration des neuen US-Standorts in San Diego sowie an Vorlaufkosten für die Impfstoffproduktion in Amsterdam.

In den Niederlanden stellt Wacker Chemie den Corona-Impstoffkandidaten des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac her. Das Präparat wird aktuell noch durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA geprüft, könnte aber bald zugelassen werden. Wenn alles nach Plan läuft, könnte Wacker Chemie die Herstellung schnell steigern. Bereits zur Jahresmitte könnte dann die nötige Geschwindigkeit erreicht werden, mit der die angepeilten 100 Millionen Dosen pro Jahr produziert werden können./mis/men/stk