BRÜSSEL/DUBLIN/BELFAST (dpa-AFX) - Im Streit um Brexit-Sonderregeln für Nordirland steigt die Spannung. Die irische Regierung warnte am Dienstag den britischen Premierminister Boris Johnson davor, die Vereinbarung mit der EU aufzukündigen. Vizeregierungschef Leo Varadkar sagte dem Radiosender RTÉ, es handele sich um einen internationalen Vertrag. London müsse seinen Verpflichtungen nachkommen. Die Vorsitzende des Binnenmarktausschusses im EU-Parlament, Anna Cavazzini (Grüne), sagte, ein Bruch des Abkommens widerspreche den Wünschen der Menschen in der britischen Provinz.

Wie die Zeitung "Times" berichtete, will London die als Nordirland-Protokoll bezeichnete Vereinbarung im Brexit-Abkommen außer Kraft setzen. Außenministerin Liz Truss sehe keinen Sinn mehr in Verhandlungen mit der EU, schrieb das Blatt. Vielmehr wolle sie alle Warenkontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland aufheben. Dafür gab es zunächst keine Bestätigung. Für den Fall einer einseitigen Aufkündigung befürchten Beobachter einen erbitterten Handelskrieg zwischen London und Brüssel.

"Die immer weitere Eskalation des Zollstreits mit der EU ist für Johnson ein Ablenkungsmanöver von seiner innenpolitischen Misere nach Partyskandalen und dem mauen Abschneiden seiner Partei (bei Kommunalwahlen)", sagte Cavazzini der Deutschen Presse-Agentur. Sie mahnte, die EU dürfe "nicht auf diesen Trick reinfallen".

Das Nordirland-Protokoll soll Kontrollen an der Grenze zum EU-Mitglied Republik Irland vermeiden und neue Konflikte verhindern. Dafür müssen nun aber Waren kontrolliert werden, wenn sie von Großbritannien nach Nordirland gebracht werden. Anhänger der Union fürchten, dass dies zu einer Entfremdung führt.

Ein Sprecher Johnsons sagte nach einem Gespräch des Premiers mit dem irischen Regierungschef Micheal Martin, die Situation sei sehr ernst und gefährde den als Karfreitagsabkommen bekannten Friedensschluss von 1998. Johnson hatte das Abkommen selbst unterzeichnet. Die Wahlen zum nordirischen Regionalparlament vergangene Woche hätten gezeigt, dass das Protokoll in seiner jetzigen Form nicht nachhaltig sei, sagte sein Sprecher. Allerdings unterstützt eine Mehrheit der neu gewählten nordirischen Abgeordneten die Vereinbarung mit der EU.

Der Streit hemmt auch die Regierungsbildung in der früheren Bürgerkriegsregion. Laut dem Karfreitagsabkommen müssen sich die jeweils stärksten Parteien der beiden konfessionellen Gruppen auf eine Einheitsregierung einigen. Die protestantisch-unionistische DUP will aber nur mit der katholisch-republikanischen Wahlsiegerin Sinn Fein zusammenarbeiten, wenn das Protokoll aufgehoben wird.

Johnson schaltete sich am Dienstag erstmals in die Debatte ein und telefonierte mit nordirischen Spitzenpolitikern. DUP-Chef Jeffrey Donaldson mahnte die britische Regierung anschließend zu entschiedenem Handeln. Worte alleine lösten den Streit nicht, sagte er. Sinn-Fein-Spitzenkandidatin Michelle O'Neill forderte hingegen Johnson auf, Druck auf die DUP auszuüben. Es müsse dringend eine Regierung gebildet werden, twitterte sie. Die Menschen in Nordirland dürften nicht als Sündenbock für den Streit zwischen London und Brüssel herhalten./bvi/DP/zb