MANNHEIM (dpa-AFX) - Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im Juni unerwartet stark eingetrübt. Der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) brach um 19,0 Punkte auf minus 21,1 Zähler ein, wie das ZEW-Institut am Dienstag in Mannheim mitteilte. Analysten hatten zwar einen Dämpfer erwartet, aber im Schnitt nur auf minus 5,6 Punkte. Es war der zweite Rückgang in Folge. Der Konjunkturindikator rutschte auf den tiefsten Stand seit einem halben Jahr.

"Der starke Rückgang der ZEW-Konjunkturerwartungen fällt zusammen mit einer erhöhten Unsicherheit mit Blick auf die zukünftige weltwirtschaftliche Entwicklung sowie einer substanziell schlechteren Konjunkturentwicklung in Deutschland zu Beginn des zweiten Quartals", kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach. Der Stimmungsindikator basiert auf einer Umfrage unter 192 Analysten und institutionellen Anlegern in der ersten Juni-Hälfte.

Als Ursache für den Stimmungseinbruch unter Finanzprofis nannte ZEW-Chef Wambach die Verschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und China. Außerdem habe das gestiegene Risiko eines militärischen Konflikts im Nahen Osten und die höhere Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten Austritts Großbritanniens aus der EU den Ausblick für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft belastet.

Die aktuelle Wirtschaftslage wurde von den Befragten hingegen nur etwas schlechter bewertet. Der entsprechende Indikator fiel im Juni um 0,4 Punkte auf 7,8 Zähler. In dieser Betrachtung hatten Analysten einen stärkeren Rückgang auf 6,1 Punkte erwartet.

Nach Einschätzung des Experten Patrick Boldt von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) werden die Spekulationen auf eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) durch die ZEW-Daten gestützt.

Am Dienstag hatte EZB-Präsident Mario Draghi eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Sollte sich der Wirtschaftsausblick nicht bessern, sei eine zusätzliche Lockerung notwendig, sagte er auf einer Konferenz im portugiesischen Sintra. Zusätzliche Zinssenkungen und weitere Anleihekäufe seien denkbar, sie gehörten zum Instrumentenkasten.

Nach Einschätzung von Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg, bekräftigen die ZEW-Daten, dass die konjunkturelle Belebung im ersten Quartal "keinen nachhaltigen Ausbruch aus der Schwächephase markiert". Nach den schwachen Umfragedaten des ZEW-Instituts sei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mit einem Dämpfer beim Ifo-Geschäftsklima zu rechnen, dem wichtigsten deutschen Konjunkturbarometer.

Am Devisenmarkt geriet der Kurs des Euro nach den ZEW-Daten weiter unter Druck und fiel auf ein Tagestief bei 1,1182 US-Dollar./jkr/jsl/jha/