ESSEN (dpa-AFX) - Der Energiekonzern RWE gehört derzeit zu den Lieblingen der Börsianer. Die Aktie steigt stetig. Investoren wetten auf die Zukunft des Stromproduzenten als einer der größten Anbieter erneuerbarer Energien. Doch noch steht die Kohle im Mittelpunkt - was den Essenern nicht nur Gewinnrückgänge einbrockt, sondern mit Blick auf den geplanten Ausstieg auch erhebliche finanzielle Unsicherheiten.

DAS IST LOS BEI RWE:

Schwächere Geschäfte mit Braunkohle und Kernenergie haben RWE im vergangenen Jahr belastet. 2019 wird zudem ein Jahr des Übergangs. Das Management stellt die Weichen für die geplante Wandlung zu einem kompletten Stromanbieter mit einem großen Anteil an erneuerbaren Energien. Auch der von Deutschland angestrebte Kohleausstieg treibt den Konzern um - er erhofft sich in seinem derzeitigen Brot- und Buttergeschäft Entschädigungen in Milliardenhöhe. Dazu kommen Auseinandersetzungen um eine Rodung des Hambacher Forsts, der der weiteren Förderung von Braunkohle im dort ansässigen Tagebau im Weg steht. Der verfügte Rodungsstopp kostet RWE viel Geld.

Im Mittelpunkt steht im Moment jedoch die Transaktion mit Wettbewerber Eon rund um die RWE-Tochter Innogy . RWE hatte im Zuge des Ausstiegs aus der Atomenergie sein Geschäft mit erneuerbaren Energien, Netzen und Vertrieb erst 2016 ausgegliedert und unter dem Namen Innogy an die Börse gebracht. Nur wenige Jahre später vollzieht RWE nun eine erneute Wandlung: Am Ende der komplizierten Vereinbarung soll die gesamte Stromproduktion aus fossilen und erneuerbaren Energien von Eon und Innogy zu RWE gehen. Innogys Netz- und Vertriebsgeschäft wandert zu Eon, an denen sich RWE zudem beteiligt. Den RWE betreffenden Teil der Transaktion hat die EU-Kommission bereits genehmigt. Für den Eon-Teil wurde jedoch eine vertiefte Prüfung wegen Wettbewerbsbedenken eingeleitet.

RWE wird durch die Transaktion zur Nummer drei in Europa im Geschäft mit erneuerbaren Energien insgesamt und zur Nummer zwei in der Windkraft. Das Portfolio soll dabei durch jährliche Investitionen von rund 1,5 Milliarden Euro um zwei bis drei Gigawatt pro Jahr von aktuell rund neun Gigawatt ausgebaut werden. RWE will sich auf Windkraft an Land und auf dem Wasser sowie Photovoltaik und Speicher konzentrieren. So will sich das Unternehmen unabhängiger von der Braunkohle machen. Damit erschlössen sich nach Jahren des Schrumpfens auch wieder Wachstumsperspektiven für den Konzern.

Von der konventionellen Energie will sich RWE dennoch nicht verabschieden, hier sollen die Ergebnisse stabil gehalten werden. RWE hat dies selbst bereits als "Kraftakt" bezeichnet. Den Konzern treibt dabei der avisierte Kohleausstieg in Deutschland um, den die Kohlekommission bis 2038 empfohlen hat. Im Zuge dessen wurde auch vorgeschlagen, bis 2022 insgesamt sieben Gigawatt Kohlekapazität zusätzlich vom Netz zu nehmen, davon drei Gigawatt Braunkohle. RWE befürchtet, dass die Essener davon den Löwenanteil schultern müssen - Chef Rolf Martin Schmitz fordert dafür höhere Entschädigungen als in der Vergangenheit. 1,2 Milliarden bis 1,5 Milliarden Euro pro Gigawatt sieht der Dax-Konzern dabei als gerechtfertigt an.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Marktexperten zeigen sich mehrheitlich überzeugt von dem von RWE eingeschlagenen Weg und sehen die langfristigen Aussichten positiv. Die im dpa-AFX Analyser erfassten 20 Branchenexperten empfehlen die Aktie mit nur wenigen Ausnahmen zum Kauf. RWE sei für die Neugestaltung der Energieversorgung in Deutschland am besten positioniert, schätzt Tanja Markloff von der Commerzbank.

Für Goldman-Sachs-Analyst Alberto Gandolfi gilt RWE dabei schon als "Erneuerbaren-Wert". Unter allen von ihm beobachteten, auf erneuerbaren Energien ausgerichteten Versorgern in Europa sei RWE am attraktivsten bewertet, schrieb er in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Der Markt überschätze eventuell die Risiken, die mit dem angepeilten Ausbau der Erneuerbaren verbunden seien.

Den geplanten Kohleausstieg nannte der Analyst ein "kurzfristiges Problem", welches die Investoren zuletzt vom Kerngeschäft der erneuerbaren Energien abgelenkt habe. Dieses stehe für rund 70 Prozent des von ihm für 2021 geschätzten operativen Gewinns (Ebitda). Doch noch ist dies eine Wette auf die Zukunft - der Deal kann immer noch an den Kartellbehörden scheitern. Beim Eon betreffenden Teil laufen die Konkurrenten Sturm, insbesondere im Vertrieb, und sehen dort den Wettbewerb in Gefahr.

Zurückhaltend zeigt sich das Analysehaus Kepler Cheuvreux. Analyst Ingo Becker ist der einzige der im dpa-AFX Analyser versammelten Experten, der die RWE-Aktie zum Verkauf empfiehlt. Er sieht die Zukunftsaussichten des Unternehmens als Komplettanbieter für Strom nicht rosig. Nach der geplanten Neuaufteilung werde RWE mit der konventionellen und erneuerbaren Energieerzeugung zwei Standbeine haben, in denen die Gewinnaussichten strukturell nicht gut seien, so der Analyst.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Investoren können sich in den vergangenen Jahren nach einer langen Dürre wieder über saftige Gewinne freuen. Die Aktie erreichte erst am 25. März den höchsten Stand seit rund vier Jahren. Seit Jahresbeginn beträgt das Kursplus mehr als ein Viertel. Damit führt RWE die Liste der Dax-Gewinner in diesem Zeitraum an, nachdem die Titel bereits 2018 zu den großen Aufsteigern gehört hatten.

Schub bekam die Aktie im vergangenen Jahr unter anderem durch die Ankündigung des Innogy-Deals mit Eon. Seitdem zog der Börsenwert um rund ein Drittel auf jetzt wieder knapp 15 Milliarden Euro an. Damit konnte RWE bei der Bewertung die Lücke zu Eon etwas schließen. Die Aktie des Konkurrenten profitierte zwar auch von der Innogy-Transaktion - Der Kurs zog allerdings nur um knapp 17 Prozent an. Eon ist damit an der Börse aktuell 22 Milliarden Euro wert.

Beide Titel konnten sich in den vergangenen Jahren wieder deutlich von ihren Tiefständen erholen. So beläuft sich bei RWE das Plus seit dem Rekordtief aus dem Herbst 2015 auf rund 160 Prozent. Damals war die Aktie wegen der Sorgen über die Zukunft des Konzerns infolge mehrfacher Energiewenden und dem nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossenen Atomausstieg hierzulande bis auf 9,126 Euro gefallen.

Mit Kursen von zuletzt rund 24 Euro ist das Papier trotz der jüngsten Erholung aber immer noch meilenweit von den Höchstständen aus dem vergangenen Jahrzehnt entfernt. Anfang 2008 hatte die RWE-Aktie noch mehr als 100 Euro gekostet. Damals zählte das Unternehmen mit einem Börsenwert von mehr als 50 Milliarden Euro noch zu den wertvollsten deutschen Konzernen.

Eon war zu dem Zeitpunkt sogar mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 100 Milliarden Euro ganz oben in der Rangliste des Dax - inzwischen rangieren beide Unternehmen im unteren Drittel des deutschen Leitindex./nas/zb/fba