WALLDORF (dpa-AFX) - Europas größter Softwarehersteller SAP <DE0007164600> ist das mit Abstand wertvollste börsennotierte deutsche Unternehmen. Der im Oktober überraschend aus dem Amt geschiedene Ex-Chef Bill McDermott hat den 1972 gegründeten Konzern mit zum Teil milliardenschweren Zukäufen in neue Sphären geführt - das neue Führungsduo, Christian Klein und Jennifer Morgan, ist also gefordert. An diessem Dienstag stehen die beiden erstmals bei der Bilanz-Pressekonferenz vor der deutschen Öffentlichkeit im Fokus. Was im Unternehmen los ist, was Analysten sagen und wie die Aktie zuletzt lief.

WAS IM UNTERNEHMEN LOS IST:

Anfang November hatten Klein und Morgan - rund einen Monat nach ihrer überraschenden Berufung - bereits den Analysten Rede und Antwort gestanden. Dabei vermieden sie tunlichst, die bisherige Strategie ihres Vorgängers Bill McDermott schlechtzureden - zumal es an seiner grundsätzlichen Ausrichtung des Konzerns kaum etwas zu bemängeln gibt. Kritik gab es zuletzt aber vor allem an einer eher nachlässigen Betreuung von Kunden.

Der 58-jährige Amerikaner hat den deutschen Konzern in puncto Größe und Marktkapitalisierung in neue Dimension gehoben. Dabei halfen ihm aber auch milliardenschwere Übernahmen, die unter seinen Vorgängern noch verpönt waren, und jetzt erst einmal integriert werden müssen. Die Marge lässt dagegen weiter noch zu wünschen übrig. Passend dazu hatten Morgan und Klein im November vor Investoren in New York betont, die Profitabilität mit Effizienzsteigerungen und Sparmaßnahmen auf Kurs zu halten. Dabei sollen Doppelarbeit und Silodenken beseitigt werden.

Im Cloudbereich will SAP die zerklüftete und alte Infrastruktur auf einer neuen Technikplattform vereinheitlichen und auch verstärkt auf die großen Rechenzentren von Tech-Riesen wie Amazon <US0231351067>, Microsoft <US5949181045>, Alibaba und Google <US02079K1079> setzen.

Bei den Kunden will SAP auch mit künstlicher Intelligenz punkten. Etliche technische Prozesse in den SAP-Anwendungen sollen automatisiert werden, sagte Co-Vorstandschef Klein. "Wir wollen die Automatisierung bei unseren Kunden um mindestens 20 bis 40 Prozent steigern, indem wir Künstliche Intelligenz einsetzen."

Ungeachtet aller Erfolge McDermotts kam von Seiten der Kunden immer wieder Kritik. So hatte die einflussreiche deutschsprachige Anwendergruppe DSAG im September bei ihrem Jahreskongress die Lücken in der Software und schlechte Integration der Programme kritisiert.

Offen ist nach wie vor, wie sich der umtriebige US-Investor Paul Singer auf Dauer verhält. Er hatte im vergangenen April bekanntgegeben, dass er eine Beteiligung von 1,2 Milliarden Euro erworben hatte - bis dato hat sich das Investment für ihn ausgezahlt.

In den Führungsetagen der Konzerne ist der Amerikaner mit seinem Hedgefonds Elliott in aller Regel aber nicht gern gesehen, weil er sich oft lautstark in die strategischen Belange einmischt, um den Wert seiner meist recht geringen Beteiligungen in die Höhe zu treiben. Es wird sich zeigen müssen, ob Elliott nicht doch mehr Unruhe stiftet, als SAP lieb ist.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Das Gros der Analysten hat nach dem überraschenden Wechsel an der Spitze die grundsätzliche Einschätzung für das SAP-Papier erst einmal bestätigt. Trotz der jüngsten Kursgewinne empfehlen sie mehrheitlich immer noch den Kauf. Bei den im dpa-AFX-Analyser erfassten Experten raten 14 von 21 zum Kauf, sechs zum Halten und einer zum Verkauf der Papiere.

Das durchschnittliche Kursziel liegt bei gut 134 Euro und damit noch mal rund fünf Prozent über dem Ende vergangener Woche erreichten Rekordhoch - die Spanne der Kursziele ist dabei ungewöhnlich hoch und reicht von 110 Euro (Oddo) bis 175 Euro. Letzteres stammt vom Goldman-Sachs-Experten Mohammed Moawalla. Er hatte dieses erst vergangenen Freitag wegen der Erwartung eines starken Wachstums und verbesserten Barmittelzuflusses um 25 Euro erhöht.

Die Experten schauen derzeit vor allem, wie schnell es SAP gelingt, das hohe Wachstum im Cloudbereich in eine höhere Marge umzumünzen. Der Konzern will die operative Marge als Gradmesser für die Profitabilität im Schnitt jedes Jahr um einen Prozentpunkt steigern, und in fünf Jahren insgesamt um rund 5 Punkte über derjenigen von 2018 liegen - also bei rund 34 Prozent.

2019 dürfte die Marge gemäß dem vom Unternehmen in Auftrag gegebenen Stimmungsbild unter Analysten um 0,6 Punkte auf 29,6 Prozent zugelegt haben. Beim Umsatz rechnen die Experten mit einem Anstieg um zwölf Prozent auf rund 27,7 Milliarden Euro. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern sollte den Schätzungen von 23 Analysten zufolge im Schnitt um rund 14 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro geklettert sein.

Unter dem Strich und ohne das Herausrechnen von Sondereffekten gehen die Analysten von einem Ergebnis von 3,33 Milliarden Euro aus - und damit rund 18 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Grund dafür sind die Aufwendungen für aktienbasierte Vergütungen sowie die hohen Kosten für den Konzernumbau. Im Januar 2019 hatte SAP die erste größere Umbaurunde nach 2015 angestoßen, bis zu 4400 Mitarbeiter sollten in andere Funktionen wechseln oder auch mittels Abfindungen die Firma verlassen.

Einige Experten wie der Baader-Bank-Analyst Knut Woller, der den Konzern seit vielen Jahren beobachtet, ist mit Blick auf die Marge etwas optimistischer als die Mehrheit. Er geht davon aus, dass diese 2019 bereits auf 29,8 Prozent gestiegen ist und damit nahe der 30-Prozent-Marke liegt. Er stuft das Papier derzeit mit "Add" ein. Sein Kursziel liegt bei 125 Euro und damit etwa auf dem aktuellen Niveau.

SO LIEF DIE AKTIE ZULETZT:

Nach einer Delle im Sommer und Frühherbst geht es seit der Nominierung von Klein und Morgan wieder konstant nach oben. Zwei Handelstage vor der Bekanntgabe der Zahlen hatte die Aktie mit 127 Euro zudem das bisherige Rekordhoch von Anfang Juli getoppt. Seit der Berufung des Führungsduos summiert sich das Kursplus auf fast ein Fünftel (umgerechnet knapp 23 Milliarden Euro) damit schneidet SAP zuletzt deutlich stärker ab als der Dax. Die Investoren geben den beiden also viel Vorschusslorbeeren.

Die beiden neuen Chefs treten bei den Anlegern in große Fußstapfen. Schließlich stieg der Aktienkurs in der Amtszeit von McDermott um mehr als 200 Prozent und der Börsenwert von rund 40 Milliarden auf knapp 130 Milliarden Euro - inzwischen liegt er sogar wieder über der Marke von 150 Milliarden Euro.

Damit spielen die Walldorfer in Deutschland in einer eigenen Liga - aber was für das Selbstbewusstsein noch wichtiger sein dürfte, ist der inzwischen deutlich verkürzte Rückstand zum Erzrivalen aus alten Zeiten: Oracle <US68389X1054>. Da sich der Aktienkurs von SAP in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt hat, beträgt der Abstand beim Börsenwert nur noch wenige Milliarden. Und noch ist SAP auch mehr wert als der ebenfalls stark wachsende Konkurrent Salesforce <US79466L3024>, der in den vergangenen Jahren aber deutlich aufgeholt hat./zb/men/jha/