VENLO (dpa-AFX) - Der Online-Arzneimittelhändler Shop Apotheke ist einer der großen Profiteure der Corona-Krise. Dies spiegelt sich auch im Aktienkurs wider, der hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifachte. Zudem rechnen Experten für den Online-Arzneimittelhändler auch längerfristig mit guten Geschäften und weiterem Wachstum. Was bei dem Unternehmen los ist, was Analysten sagen und was die Aktie macht.

DAS IST LOS BEI DER SHOP APOTHEKE:

Das seit September im MDax gelistete Unternehmen mit Sitz in Venlo gehört ganz klar zu den Gewinnern der Corona-Krise. Denn viele Menschen deckten sich zu Beginn der Pandemie reichlich mit allen erdenklichen Medikamenten ein. Zudem scheuen mittlerweile viele Menschen den Gang in die Apotheken aus Furcht vor Ansteckungen. Sie bestellen daher lieber bei Versandapotheken.

So stiegen allein im dritten Quartal die Erlöse nach vorläufigen Berechnungen im Jahresvergleich um knapp 40 Prozent auf 239 Millionen Euro. Damit summiert sich das Plus in den ersten drei Quartalen auf rund 38 Prozent. Die Zahl aktiver Kunden wuchs seit dem Jahreswechsel um 1,2 Millionen, davon 0,4 Millionen im dritten Quartal.

Ein Börsianer hält es angesichts der jüngsten Umsatzentwicklung für denkbar, dass das Management bei der Vorlage des vollständigen Quartalsberichts am 5. November seine Jahresprognose ein weiteres Mal anhebt. Unternehmenschef Stefan Feltens hatte seine Erwartungen bereits Ende Juli nach oben geschraubt. Demnach soll der Umsatz in diesem Jahr statt um 20 Prozent - wie zuvor gedacht - jetzt um mindestens 30 Prozent zulegen. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll 1 bis 2 Prozent des Umsatzes erreichen.

Während der Online-Handel von Medikamenten bislang ein Nischengeschäft war, nimmt er nun in der Krise an Bedeutung zu. Dieser Trend wird sich mit der Einführung elektronischer Rezepte noch verstärken. Denn jüngst wurde in Deutschland beschlossen, dass ärztliche Rezepte ab dem Jahr 2022 grundsätzlich nur noch in elektronischer Form ausgestellt werden sollen. Mit dem Bau eines neuen Logistikzentrums in Venlo will das Unternehmen seine Kapazitäten mehr als verdoppeln, um sich für das erwartete Nachfragewachstum der kommenden Jahre zu rüsten.

Erst jüngst stärkte ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg zudem die Position der Online-Apotheken. Diese dürfen laut dem EuGH im Netz auch Werbung für rezeptfreie Medikamente machen, die sich gezielt an Kunden in anderen EU-Staaten richtet. Das Land, in dem sich der Zielmarkt befindet, darf demnach Arzneimittel-Händlern aus weiteren EU-Ländern nicht verbieten, etwa mit Hilfe bezahlter Links in Suchmaschinen oder Vergleichsportalen Käufer anzusprechen. Ein solches Verbot würde nach Auffassung der Richter eine womöglich unzulässige Beschränkung des freien Dienstleistungsverkehrs im europäischen Binnenmarkt darstellen.

Konkurrenz könnten die Online-Apotheken in Europa allerdings von Amazon bekommen. Der US-Technologiekonzern hat sich dem Apothekenmarkt mit dem Kauf von Pillpack in den USA schon zugewandt, ein Einstieg in Europa gilt als Frage der Zeit. Deshalb weist Unternehmenschef Walter Oberhänsli der schweizerischen Zur-Rose-Gruppe , zu der die größte europäische Versandapotheke DocMorris gehört, auch Gedankenspiele über eine Fusion mit der zweitgrößten Versandapotheke Europas, Shop Apotheke Europe, nicht von der Hand. "Wir wären dumm, wenn wir sagen würden: Das kommt niemals in Frage", hatte Oberhänsli vor Kurzem der dpa gesagt. "Im Moment ist das aber kein Thema."

DAS MACHT DIE AKTIE:

So richtig durchgestartet ist die 2016 an die Börse gegangene Shop Apotheke erst im laufenden Jahr. Sie ist einer der Top-Gewinner der Corona-Krise, denn das einstige Nischengeschäft, der Online-Medikamentenhandel, begann zu boomen. So wundert es kaum, dass sich seit Jahresbeginn der Aktienkurs inzwischen mehr als verdreifacht hat, zumal zunehmend auch die Weichen für das elektronische Rezept gestellt werden. Das beschert dann dem Versandhandel zusätzlichen Rückenwind und wird an der Börse bereits vorweggenommen.

Der Corona-Börsencrash im Februar und März ging zwar auch an der Aktie der Shop Apotheke nicht komplett spurlos vorbei, doch weder war der Kursverlust der Aktie allzu tief, noch dauerte die Talfahrt lange. Anleger witterten schnell ihre Chance. Vom Krisentief 36,90 Euro Mitte März ging es binnen zwei Tagen auf 58,00 Euro nach oben und damit auf den höchsten Stand seit November 2017.

Im April wurde dann ein weiteres bis dahin geltendes Rekordhoch bei knapp unter 65 Euro - ebenfalls aus November 2017 - geknackt. Seither geht es - mit immer wieder einmal kleineren Unterbrechungen - von Bestmarke zu Bestmarke. Spekulationen über eine Aufnahme des Papiers in den MDax lieferten dann im August nochmals kräftig Rückenwind. Als Anfang September die Mitteilung der Deutschen Börse kam, folgten erst einmal teils kräftige Gewinnmitnahmen. Seit zweieinhalb Wochen inzwischen nun Mitglied im Index der mittelgroßen Werte unterhalb des Dax, geht es nun erneut aufwärts.

Das jüngste Rekordhoch hat die Aktie am Montagvormittag bei 168,60 Euro nach der Vorlage vorläufiger Umsatzzahlen zum dritten Quartal erreicht. Danach setzten allerdings Gewinnmitnahmen ein. Am Dienstag verstärkte sich der Druck. Eine Abstufung durch die Privatbank Hauck & Aufhäuser (H&A) und ein Bericht des "Handelsblatt" belasteten.

Diesem zufolge hat sich die EU-Kommission für das Apotheken-Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn ausgesprochen, wie aus einem der Zeitung vorliegenden Brief des Binnenmarktkommissars Thierry Breton an Spahn hervorgehe. Der Gesetzesentwurf sieht unter anderem ein Rabattverbot für den Versandhandel vor, um so stationäre Apotheken zu stärken.

Am Dienstag ging das Papier mit knapp 143 Euro und damit rund 15 Prozent unter dem Rekordhoch aus dem Handel. Trotz des Rücksetzers liegt der Börsenwert inzwischen bei knapp 2,2 Milliarden Euro. Beim Börsengang vor ziemlich genau vier Jahren war die Aktie zu 28 Euro ausgegeben worden. Die Marktkapitalisierung hatte gerade einmal bei gut 250 Millionen Euro gelegen.

Seitdem hat die Gesellschaft dreimal ihr Kapital erhöht, um Übernahmen und das Geschäftswachstum zu finanzieren. Auch dies trug neben dem Kursanstieg zu dem deutlichen Anstieg des Börsenwerts bei. Einer der größten Profiteure der Börsen-Erfolgsgeschichte ist der frühere Unternehmenschef Michael Köhler, der das Unternehmen mitgegründet und 17 Jahre lang geführt hat. Ende 2018 zog er sich aus persönlichen Gründen überraschend zurück, hält aber immer noch 14,5 Prozent an der Shop Apotheke.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Die meisten Branchenexperten zeigen sich mit Blick auf die Aktie der Shop Apotheke optimistisch. Derzeit empfehlen fünf der sieben bei dpa-AFX seit Juli erfassten Analysten das Papier zum Kauf, zwei raten den Anteilsschein zu halten. Die Kursziele liegen zwischen 120 und 200 Euro je Aktie.

Nach Einschätzung des Analysten Christian Salis von der Privatbank Hauck & Aufhäuser legte Shop Apotheke starke Vorabzahlen für das dritte Quartal vor. Diese bestätigten die Online-Apotheke als klaren Profiteur der Corona-Krise. Nachdem die Aktie deutlich zugelegt hat, rät Salis das Papier nicht mehr zu kaufen, sondern nur noch zu halten. Allerdings erhöhte er das Kursziel für die Aktie von 155 auf 160 Euro.

Für Analyst Alexander Thiel vom Analysehaus Jefferies zeigten die Eckdaten der Onlineapotheke für das dritte Quartal ein anhaltend starkes Wachstum. Er empfiehlt die Aktie zum Kauf, allerdings bei einem Kursziel von 120 Euro. Shop Apotheke wachse zwar stark, die Bewertung sei allerdings bereits ambitioniert, warnte Analyst Michael Heider vom Analysehaus Warburg Research. Deshalb nahm Heider die Bewertung der Papiere bei einem Kursziel von 139 Euro mit "Halten" auf.

Trotz eines starken Kursanstiegs seit Jahresbeginn sieht Analyst Uwe Schupp von der Deutschen Bank weiteres Aufwärtspotenzial für die Aktie des Online-Arzneimittelhändlers. Vor allem die Einführung des elektronischen Rezepts biete immer deutlichere Chancen. Apotheken werden so in der Lage sein, sich an die deutsche Telematik-Infrastruktur anzukoppeln. Er rät die Aktie zu kaufen. Das Kursziel sieht er bei 200 Euro./mne/ck/knd/zb