Über die Wirkungen der weltweit ultralockeren Geldpolitik

LTCM again?!

Langjährige Beobachter der Kapitalmärkte kennen jene Ereignisse, die prägend für den weiteren Gang der Geschichte sind. Der Beinahe-Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management L.P. (LTCM) im Jahr 1998 war ein solcher Moment. Vier Jahre nach seiner Gründung geriet der hoch gehebelte Fonds in Folge der asiatischen Finanzkrise und der Russlandkrise in eine solche Schieflage, dass er unter Aufsicht der US-Notenbank Fed durch mehr als ein Dutzend Großbanken rekapitalisiert werden musste, um das unrühmliche Kapitel dann zwei Jahre später durch die endgültige Abwicklung des Fonds zu schließen. Der Fall grub sich nicht nur aufgrund der schieren Höhe der in wenigen Monaten aufgelaufenen Verluste von rund 4,6 Mrd. USD ins kollektive Gedächtnis der Finanzakteure ein. Der Umstand, dass mit Myron S. Scholes und Robert C. Merton zwei veritable Wirtschaftsnobelpreisträger dem Fonds beratend zur Seite standen, zeigte, dass sich auch die hellsten Köpfe an den Märkten grandios irren können. Der Initiator des Fonds, John W. Meriwether, versuchte sich danach erneut – und im Wesentlichen erneut glücklos – an zwei weiteren Fonds.

Großer Hebel, großes Risiko

Vor allem aber lehrte die LTCM-Schieflage eines: Auch sehr ausgeklügelte Systeme – der Ansatz des Fonds basierte auf Arbitrage-Geschäften – können auseinanderfallen, wenn sich die Rahmenbedingungen und/oder wichtige Parameter verändern. Das gilt umso mehr, wenn die eigentlichen Gewinne klein sind, auf komplexen Nischen beruhen und sich erst durch die Anwendung eines hohen Hebels in – zumindest phasenweise – attraktive Renditen transformieren lassen. Die andere Lehre, für die die vier Buchstaben LTCM seit mehr als zwei Jahrzehnten symbolisch stehen, besteht darin, dass Hedgefonds irgendwie undurchsichtig und generell bedrohlich sind. Vor allem sind es Ansteckungs- und Domino-Effekte einer Hedgefonds-Pleite, die gefürchtet werden, zumal unser „reifes“ Fiatgeld-System nicht gerade inhärent stabil ist, sondern im Bedarfsfall durch eine immer beherztere Zufuhr frischen Zentralbankgelds zumindest optisch gekittet werden muss.

We are family

Nun also Archegos Capital Management, bei dem es sich streng genommen nicht um einen Hedgefonds, sondern um ein sogenanntes Family Office handelt. Seit Ende März zieht der Niedergang von Archegos immer weitere Kreise, und man staunt, wer da alles zur „Archegos-Familie“ gehörte bzw. in geschäftlicher Verbindung zu dieser stand. Zumindest liest sich die Liste der Banken, die seitdem und mit Bezug auf Archegos Verluste vermelden, wie eine Liste der einflussreichsten Großbanken der Welt: Credit Suisse, Nomura Holdings, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Mitsubishi UFJ Financial und gestern schließlich die UBS Group. Diese war mit einem Verlust von 774 Mio. USD zwar noch vergleichsweise „glimpflich“ davongekommen, eine Meldung ist die Sache allerdings schon deshalb wert, weil dadurch, und durch die Erhöhung der Nomura-Verluste von bislang 2 Mrd. USD auf nun 2,85 Mrd. USD die Gesamtschadenssumme auf mehr als 10 Mrd. USD angewachsen ist – weiter Erhöhungen nicht ausgeschlossen. Den Vogel allerdings schoss die Credit Suisse ab, die schon am 6. April Verluste in Höhe von 4,7 Mrd. USD vermeldete und kurz darauf eine Kapitalerhöhung über 2 Mrd. USD ankündigte.

Erstaunlich gelassen

Vor dem Hintergrund, dass Großbanken in Fiatgeld-Systemen noch immer als „systemrelevant“ gelten, sind die Finanzmärkte diesmal insgesamt erstaunlich gelassen geblieben. Natürlich stürzten die Kurse derjenigen Aktien, in denen Archegos spekulierte, und die im Rahmen von Margin Calls auf den Markt geworfen wurden – zu nennen sind ViacomCBS und Discovery Inc. – unmittelbar ab. Auch jene Großbanken, die im Zusammenhang mit Verlusten genannt wurden, ließen Federn. Aber die große Kernschmelze blieb aus. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Notenbanken derzeit ohnehin nicht nur Gewehr bei Fuß stehen, sondern bereits aus vollen Rohren auf alles feuern, was wie ein Problem aussieht. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die 10 Mrd. USD Verluste des Jahres 2021 nicht nur – der Inflation sei „Dank“ – real keineswegs bedeutsamer sind als die 4,6 Mrd. USD des Jahres 1998, sondern zudem das Finanzsystem in der Zwischenzeit weiter so stark aufgebläht wurde, dass der Anteil am ganzen Kuchen heute sogar deutlich geringer ist.

Zweifelhafter Nutzen der Regulierung

Wenn nun reflexhaft nach einer strengeren Regulierung solcher Family Offices gerufen wird, dann ist das zwar irgendwie verständlich, verkennt aber die konkreten Verhältnisse des Einzelfalls. Der Kopf von Archegos, Sung Kook „Bill“ Hwang, ist kein Unbekannter. Er wurde bereits im Jahr 2012, damals noch als Chef von Tiger Asia Management, wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe von 44 Mio. USD verurteilt und erhielt im Jahr 2014 in Hongkong ein Handelsverbot für vier Jahre. Einem Bericht der Financial Times zufolge, waren es Banken wie die Credit Suisse, die Hwang seine Geschäfte und den Umfang dieser Geschäfte überhaupt erst ermöglichten. Zudem war offenbar auch vielen Banken, die mit Hwang zusammengearbeitet hatten, nicht ganz klar, wie groß das Rad war, das da im Rahmen sogenannter „Total Return Swaps“ gedreht wurde. Das aber sind eigentlich nicht primär Themen eines konkreten Family Offices, sondern jener Institute, die hier einem selbsternannten Starinvestor auf den Leim gegangen sind.

Nur ein Glitch?

Dennoch bleibt die Nervosität. So sackte der Kurse der kanadischen Großbank Royal Bank of Canada am 16. April im nachbörslichen Handel innerhalb von einer Minute von 95 USD auf 33,75 USD ab – ein Verlust von knapp 65% –, um sich dann ebenso schnell wieder zu erholen. Noch kurz vor diesem Kurssturz erreichte die Aktie ein neues Allzeithoch. Fundamentale Begründungen für die nachbörsliche Kursbewegung waren nicht zu finden, nicht einmal plausible Gerüchte. Die wahrscheinlichste Erklärung für das Kursgeschehen ist damit tatsächlich ein sogenannter Glitch, also eine Art Fehler bzw. das Aufeinandertreffen einer unlimitierten Market-Order und einer frech limitierten Kauforder. Diese Konstellationen kommen tatsächlich immer wieder einmal vor, und zwar in beide Richtungen. Sie sind aber im Wesentlichen ein Phänomen des nach- bzw. vorbörslichen Handels, der mitunter so dünn ist, dass unlimitierte Orders tatsächlich bis in Bereiche vorstoßen, wo die frechen Abstauberlimits bereits auf sie lauern. Da es dieser spezielle Glitch, wohl auch vor dem Hintergrund des Archegos-Debakals, im Internet zu einer gewissen Aufmerksamkeit brachte – uns sprachen gleich mehrere Leser darauf an –, blieb der Kurs in den Folgetagen noch etwas unter Druck bevor er sich nach einem Zwischentief bei 91,14 USD wieder Richtung Allzeithoch bewegte.

Phönix aus der Asche?

Eine Bank, die in diesem schwierigen Umfeld zurzeit sehr viel richtig macht, ist dagegen die Deutsche Bank unter Konzernchef Christian Sewing. Jetzt überraschte das Geldhaus auch die Anleger, die die heute vorgelegten Quartalszahlen – die besten seit sieben Jahren – mit einem satten Kurssprung von mehr als 10% quittierten. Damit gehört die Bank nun klar zu den Outperformern im DAX. Sogar ein Bruch des Abwärtstrends gerät, nach erfolgreicher Bodenbildung, in greifbare Nähe (vgl. Abb.). Totgesagte leben also möglicherweise doch länger. Auch den Archegos-Zusammenbruch hat „die Deutsche“ glänzend pariert. Zwar war man nach einem Bloomberg-Bericht offenbar mit satten vier Mrd. USD im Risiko, wich dem Debakel aber durch ansatzlos exekutierte Notverkäufe, was selbst Jeremy Irons im Hollywood-Streifen „Margin Call“ alle Ehre gemacht hätte, praktisch vollständig aus. Die Episode trägt allerdings zwei unterschiedliche Botschaften in sich: Die Deutsche Bank hat sich nach Jahren der Krise offenbar auf einige Stärken besonnen. Im Gegensatz zu manchem seiner Vorgänger sucht Sewing weder das Scheinwerferlicht noch die große Bühne. Stattdessen hält er das Haus aus den Schlagzeilen heraus und agiert im Hintergrund – schnell, effizient und nahezu geräuschlos. Andererseits zeigt gerade diese Episode, dass man sich weiter in einem absoluten Minenfeld bewegt. Mit vier Milliarden im Feuer hätte die Sache auch schiefgehen können.

Insolvenzzombies

Ein Thema, das die Banken nun bald erreichen wird, ist das Ende der Insolvenzaussetzung, die zuletzt vom 31. Januar bis zum 30. April verlängert worden war. In zwei Tagen ist also Schluss mit einer Regel, die es Unternehmen erlaubt, den Insolvenzantrag erst einmal auf die lange Bank zu schieben, sofern sie „infolge der Coronavirus-Pandemie in Schwierigkeiten geraten sind“. Das Ganze läuft bei der Bundesregierung unter dem Schlagwort „Mehr Rechtssicherheit in Krisenzeiten“ https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/insolvenzaussetzungsgesetz-1781394, geht aber – so formuliert – am Kern der Sache vorbei. Es würde ja implizieren, dass die normale Insolvenzordnung zu Rechtsunsicherheit geführt hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Zwar bekamen einige Unternehmen, die vollkommen unverschuldet in Schieflage geraten waren, tatsächlich einen Aufschub, aber deren Kreditgeber haben nun alles andere als Rechtssicherheit darüber, in welchem Zustand sich diese Unternehmen aktuell befinden. Die Gefahr, dass hier auch massenhaft echte „Zombies“ am Leben erhalten wurden und werden, sich gar über weiteres frisches Geld freuen konnten, ist nicht von der Hand zu weisen. Spätestens das wäre dann aber wieder ein Problem der kreditgebenden Banken. Auch wenn nicht gleich am 3. Mai mit einer Insolvenzwelle zu rechnen ist, so wird die Zahl der Insolvenzen über die nächsten Monate wohl deutlich zunehmen. Besonders betroffen werden dabei vor allem jene Unternehmen sein, die nicht als systemrelevant eingestuft werden, die also weder aufgrund ihrer besonderen Stellung im Wirtschaftskreislauf (Banken) oder aufgrund ihrer schieren Größe auf staatliche Unterstützung hoffen können.

Richtung Klippe in der Spur

Ein aktuelles Datum sollten Sie sich ebenfalls noch vormerken. Noch heute Abend wird Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, die weitere Geldpolitik der USA erläutern. Zwar werden keine großen Überraschungen erwartet, da aus seinen jüngsten Äußerungen bereits eine weitgehende Festlegung auf eine Fortführung seiner ultralockeren Geldpolitik inklusive massiven Anleihekaufprogrammen herausgelesen wird. Dennoch wird es interessant sein, welche Perspektiven die größte Notenbank der Welt in einem derart überreifen Fiatgeld-System noch anbieten kann. Nicht nur Corona-bedingt haben sich die Notenbanken weltweit in die Ecke der Nullzinspolitik gemalt, aus der sie angesichts der bestehenden Verschuldung auch nicht mehr herauskommen werden. Genau vor diesem Hintergrund wird aber das Thema „Great Reset“ – übrigens das Titelthema des aktuellen Smart Investor 5/2021, der zum Wochenende erschienen ist – interessant. Einer der Treiber hinter dieser scheinbaren Problemlösung ist das World Economic Forum, bei dessen Jahrestreffen auch die wichtigsten (Geld-)Politiker zugegen sind. Von einer „scheinbaren“ Lösung aus einer fortschreitenden Geldsystemkrise sprechen wir im Übrigen deshalb, weil diese Lösung gar keine Reparatur des bestehenden Systems mit noch immer vorhandenen marktwirtschaftlichen Restelementen darstellt, sondern nicht weniger als einen radikalen Systemwechsel. Mehr dazu lesen Sie, wie gesagt, im neuen Heft. 

Steuern bei Termingeschäften 

Auf ausgesprochen großes Interesse stieß zuletzt der Beitrag von Salah-Eddine Bouhmidi, Head of Markets bei unserem Kooperationspartner IG zur Neuregelung der steuerlichen Behandlung von Termingeschäften. Die Verrechenbarkeit von Gewinnen und Verlusten aus Termingeschäften ist seit dem 01.01.2021 auf 20.000 EUR pro Jahr beschränkt. Allerdings wird dabei zwischen den unterschiedlichen Arten von Termingeschäften unterschieden. Was das genau bedeutet und wie man sich diesem Dilemma entziehen kann, lesen Sie hier.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über Transaktionen in den beiden Musterdepots und die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Musterdepot Aktien

Wie im neuen Heft 5/2021 in der Musterdepotrubrik (S. 59) angekündigt, wollen wir noch etwas unsere Rohstoffausrichtung verstärken. Dazu erwerben wir 5.000 Aktien des Explorers Tudor Gold* (WKN: A2AJ7Y; akt. Kurs: 1,99 EUR) im Wert von insgesamt rund 10.000 EUR, was etwa 2,6 % des Depotvolumens ausmacht. Damit bauen wir unsere Edelmetall-Ausrichtung etwas mehr in den spekulativen Bereich aus. Tudor ist einer der Shootingstars unter den Explorationsgesellschaften, der in den letzten Monaten gigantische Vorkommen vermeldete. Mehr zu diesem Titel finden Sie im Heft in der Rubrik „Buy“ auf S. 54 sowie im Interview mit dem sehr erfolgreichen Investor Thomes Käsdorf auf S. 60. Solche Explorer bergen naturgemäß mehr Risiko, allerdings sind die Performanceaussichten auch höher als bei einem großen Produzenten.
Im Gegenzug verkaufen wir daher 160 unserer 410 Anteile an Agnico-Eagle (WKN: 860325; akt. Kurs: 53,30 EUR), womit etwa 2% des Depotvolumens erlöst werden. Die sehr gut gemanagte Minengesellschaft ist vergleichsweise hoch bewertet, was womöglich auch der Grund für die eher bescheidene Performance von knapp 10% in unserem Depot ist.
Beide Transaktionen erfolgen zur Eröffnung am morgigen Donnerstag.

wikifolio „Smart Investor – Momentum“

In unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“ haben wir in der Berichtswoche nur kleinere Arondierungen vorgenommen. Unsere Cash-Quote liegt stabil bei knapp 38%, was weiter einen sehr komfortablen Wert darstellt. Die konkrete Entwicklung des Zertifikats (ISIN: DE000LS9CFN3) können Sie wie immer hier in Echtzeit nachverfolgen – und natürlich können Sie das Zertifikat auch jederzeit über die Börse kaufen und verkaufen.

Musterdepot Fonds

Der Elektrohype ist ungebrochen und spielt sich vor allem in den sogenannten Zukunftsmetallen ab. Der Bakersteel Electrum Fund (WKN: A0F6BP, akt. Kurs: 72,51 EUR) positioniert sich genau in diesem Bereich mit einem Schwerpunkt auf Metallen, die für Elektromobilität, Netzausbau, erneuerbare Energien, Energiespeicherung, Künstliche Intelligenz und Robotik benötigt werden. Wir erwerben 150 Anteile zum morgigen Kurs – ohne Ausgabeaufschlag über Fondsdiscount.de .

Fazit

Wie der Fall Archegos Capital Management zu zeigen scheint, erzeugen die vagabundierenden Rettungsbillionen durchaus ungewollte und unerwartete Effekte. Manch ein Hedgefonds könnte sich bei der Jagd nach Rendite im Nullzinsumfeld auch künftig als eines jener berüchtigten Schwarzen Löcher erweisen, die neben der Rendite auch gleich noch das Anlagekapital verschlingen.

Autoren: Ralf Flierl, Ralph Malisch


Smart Investor 5/2021:

Titelstory: Great Reset

Familienunternehmen: Die Eigentümerstruktur macht den Unterschied

Netzwerkeffekt: Markt- oder eher Staatsversagen?

Aktieninvestments: Auch langfristig sind die Renditen nicht sicher


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