FRANKFURT (dpa-AFX) - Nach nur einem Tag Verschnaufpause hat sich der Kurssturz der Wirecard-Aktie am Mittwoch mit einem Minus von weiteren 28 Prozent fortgesetzt. Der Absturz um inzwischen insgesamt rund 88 Prozent in den vergangenen fünf Handelstagen ist im Dax so gut wie einmalig. Allenfalls die Entwicklung des in der Finanz- und Wirtschaftskrise verstaatlichten Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate im Herbst 2008 hält einem Vergleich stand. Beide Werte dominieren die Liste mit den zehn größten Tagesverlusten im deutschen Leitindex.

So war der 62-prozentige Kursabsturz der Wirecard-Aktie am vergangenen Donnerstag der zweitgrößte Tagesverlust eines Dax-Titels in der fast 32-jährigen Geschichte des deutschen Leitindex. Grund waren milliardenschwere Löcher in der Bilanz, wegen derer der Konzern die Vorlage des Jahresabschlusses für 2019 quasi in letzter Minute ein weiteres Mal hatte verschieben müssen.

Am Freitag knüpfte das Papier wegen Sorgen über die Finanzkraft und Zukunft des Unternehmens mit einem Minus von 35 Prozent nahtlos an die Verluste vom Donnerstag an - daran konnte auch der Rücktritt von Konzernchef Markus Braun nichts ändern.

Und am Montag setzte sich der Kursverlust weiter fort, nachdem der Konzern eingestehen musste, dass die Treuhandkonten auf der die 1,9 Milliarden Euro liegen sollten wahrscheinlich nicht existieren - die Aktie sackte weitere 44 Prozent ab. Nach einem Tag im Plus setzte sich die Talfahrt am Mittwoch fort.

Umgerechnet in absolute Werte sank die Marktkapitalisierung um mehr als elf Milliarden Euro auf nur noch 1,5 Milliarden. Damit droht im Herbst auch der Rauswurf aus dem Dax, in den das Papier erst im September 2018 aufgenommen worden war. Damals war Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von fast 25 Milliarden Euro wertvoller als die Deutsche Bank .

Mit dem abermals hohen Tagesminus am Mittwoch liegt die Wirecard-Aktie in die Liste der zehn größten Tagesverluste Dax-Titeln auf den Rängen zwei, fünf, acht und zehn. Würde man die Liste weiterführen, hätte sie zudem auch die Pläze elf und zwölf inne. Spitzenreiter bleibt aber die in der Finanzkrise verstaatlichte Hypo Real Estate (HRE). Der Finanzierer von gewerblichen Immobilien ist insgesamt drei Mal in der Top Ten vertreten.

1.) Hypo Real Estate -73,9% am 29.09.2008 - Grund: Staatliches Rettungspaket infolge Liquiditätsengpässen in der Finanzkrise. Die Bank wurde inzwischen aufgelöst. Die milliardenschweren Risiken hat der Staat übernommen, das operative Geschäft wird größtenteils von der inzwischen wieder an der Börse notierten Deutschen Pfandbriefbank PBB weitergeführt. Inzwischen rutschten die Pfandbriefbank-Papiere auch aus dem Index mittelgroßer Werte MDax und verlieren damit weiter an Bedeutung.

2.) Wirecard -61,8% am 18.06.2020 - Grund: Bilanzierungsprobleme, die zur erneuten Verschiebung der Zahlenvorlage führten und damit zum endgültigen Vertrauensverlust an der Börse.

3.) MLP -48,7% am 02.08.2002 - Grund: Gewinnwarnung. Verdacht auf Bilanzmanipulation, der sich allerdings nie erhärtete. Das Unternehmen gibt es immer noch. Es spielt aber am Aktienmarkt keine große Rolle mehr.

4.) VW-Stammaktie -45,3% am 29.10.2008 - Grund: Geplatzte Blase infolge eines rasanten Kursanstiegs die Tage davor, der von fehlgeleiteten Spekulationen auf Kursverluste der Aktie ausgelöst worden war. Die beispiellosen Kurskapriolen der VW-Stammaktie Ende Oktober 2008 führten dazu, dass die Deutsche Börse die Gewichtung einer Aktie im Dax auf maximal zehn Prozent beschränkte. Da der Streubesitz der VW-Stammaktie inzwischen zu gering ist, ist die VW-Vorzugsaktie im Dax gelistet.

5.) Wirecard -44,1% am 22.06.2020 - Grund: Bilanzskandal spitzt sich zu. Das Unternehmen gesteht ein, dass die Treuhandkonten, auf denen 1,9 Milliarden Euro liegen sollen, wahrscheinlich nicht existieren.

6.) Infineon -39,6% am 03.12.2008 - Grund: Schwache Zahlen, schwacher Ausblick sowie stark angeschlagene Situation des Halbleiterherstellers. Die Aktie des Unternehmens war zwischenzeitlich ein sogenannter Pennystock, kostete also weniger als ein Euro. Das Papier flog auch zeitweise aus dem Dax, hat aber die Wende geschafft. Der Kurs lag zuletzt bei rund 20 Euro - damit ist der Konzern an der Börse rund 27 Milliarden Euro wert.

7.) Hypo Real Estate -37,4% am 06.10.2008 - Grund: Weiteres staatliches Rettungspaket, das nur eine Woche nach dem 74-prozentigem Absturz zu einem weiteren drastischen Wertverlust der Aktie führte.

8.) Wirecard -35,3% am 19.06.2020 - Grund: Sorgen über die Finanzlage und Zukunftsfähigkeit des Konzerns - unter anderem weil die Banken wegen der immer noch fehlenden Bilanz für 2019 Kreditlinien kündigen können.

9.) Hypo Real Estate -35,2% am 15.01.2008 - Grund: Die Hypo Real Estate hatte bereits vor dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, der dann endgültig zur Finanz- und Weltwirtschaftskrise führte, große Probleme. So schockierte der damalige HRE-Chef Georg Funke bereits Mitte Januar 2008 die Märkte mit einer Abschreibung auf Wertpapiere in den USA.

10.) Wirecard -28,3% am 24.06.2020 - Grund: Zunehmende Furcht der Anleger, dass Kunden dem Unternehmen nun massenweise den Rücken zukehren könnten. Zudem senkten die Experten der Bank of America das Kursziel von 14 auf nur noch einen Euro. Der massive Abschlag spiegele den Verlust von Kunden und Lizenzen, die Streichung bestehender Kreditlinien sowie die generelle Unsicherheit wider, die noch eine Weile fortdauern dürfte, hieß es in der Studie.

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