MÜNCHEN (dpa-AFX) - Immer wieder raufte sich das Telekomunternehmen Telefonica Deutschland mit seinem Wettbewerber 1&1 Drillisch - im Mittelpunkt standen dabei Preise, die die Münchner vom kleineren Anbieter aus Maintal für die Mitnutzung ihres Netzes erhoben hatten. Die United-Internet-Tochter 1&1 ließ die Preise regelmäßig überprüfen, um bis zum Schluss zu feilschen. Mit dem Abschluss des sogenannten National-Roaming-Abkommens zwischen beiden Unternehmen sind die bisherigen Streitigkeiten aber nun vom Tisch - zumindest vorerst. Denn auch künftig dürfte es weiter Preisdiskussionen geben. Was bei Telefonica Deutschland los ist, was Analysten sagen und wie sich die Aktie entwickelt.

DAS IST LOS BEI TELEFONICA DEUTSCHLAND:

Seitdem 1&1 das Netz von Telefonica Deutschland mitnutzt, musste sich das Münchner Unternehmen immer wieder mit sogenannten Preisüberprüfungen herumplagen. Dabei geht es im Wesentlichen darum, dass die Maintaler zwei Mal im Jahr die Chance haben, die von Telefonica Deutschland erhobenen Preise checken zu lassen - und diese Möglichkeit nutzten sie gerne, weil sie der Meinung waren, dass die Preise für die Nutzung des O2-Netzes zu hoch seien.

Im Herbst 2020 hatte 1&1 Drillisch deswegen gar eine Gewinnwarnung herausgegeben. Das Ziel für das operative Ergebnis für 2020 rutschte um etwas mehr als 80 Millionen Euro auf 600 Millionen Euro runter. Der Drillisch-Vorstand warnte, es könne auch in den Folgejahren weitere Ergebnisrückgänge geben und machte Telefonica Deutschland dafür verantwortlich.

Doch ganz so einfach ist das nun doch nicht, denn beide Unternehmen sind aufeinander angewiesen. 1&1 Drillisch hatte 2019 eigenes Mobilfunk-Spektrum für den neuen Standard 5G ersteigert, nutzt dieses aber im Gegensatz zur Konkurrenz bisher noch nicht. Bis das Unternehmen eigene 5G-Mobilfunkmasten gebaut hat, ist der Anbieter also auf ein Fremdnetz (National Roaming) angewiesen.

Telefonica Deutschland hingegen kann durch die Vermietung der Netzkapazitäten zusätzlichen Erlös schaffen. Allerdings ist unklar, wie groß der Umsatz mit 1&1 Drillisch tatsächlich ist. In den ersten drei Monaten konnte das Unternehmen seine Erlöse dank einer anhaltend hohen Nachfrage nach hochwertigen Smartphones und Tablets immerhin stabil halten. Das um Sondereffekte bereinigte operative Ergebnis (Oibda) zog leicht kann, auch weil der Vorstand die Kosten besser im Griff hatte.

Telefonica Deutschland hatte für die Übernahme des Konkurrenten E-Plus im Jahr 2014 zustimmen müssen, sein Netz einem anderen Wettbewerber zu öffnen - diese Bedingung hatte die EU-Kommission den Münchnern auferlegt.

Mit den bisherigen Price Reviews ist aber Schluss: Mitte Mai kündigten beide Unternehmen an, letzte Details des für die kommenden Jahre wichtigen National-Roaming-Vertrags geklärt zu haben. Mit "National Roaming" ist gemeint, dass sich Handynutzer dort, wo ihr Netzbetreiber keine eigenen Antennen hat, mit einem anderen Netz verbinden können. "Mit den signifikanten Erlösen aus dem Abkommen werden wir unser O2 Netz weiter stärken und unseren Ausbau nochmals beschleunigen", sagte Telefonica-Deutschland-Chef Markus Haas. Vor allem die Investitionen im ländlichen Raum müssten dadurch "deutlich schneller" als geplant wieder reingeholt sein.

Als eine Bedingung für das Abkommen muss 1&1 Drillisch nun seine bis zuletzt laufenden Überprüfungen der Preise für die Nutzung des Telefonica-Netzes einstellen. Doch damit ist nicht zwingend Schluss: Zwar sieht die neue Vereinbarung jährlich sinkende Preise vor, die rückwirkend auch ab Juli 2020 gelten. Allerdings räumte Telefonica seinem Konkurrenten die Möglichkeit ein, sämtliche Preise per Schiedsgutachterverfahren überprüfen lassen zu können. Bislang hatte 1&1 zweimal im Jahr die Gelegenheit dazu.

Damit wackelt also auch die Höhe des Umsatzes, den sich Telefonica Deutschland durch das National Roaming erhofft - und damit auch die Investitionen, die Konzernchef Markus Haas sogar noch weiter steigern will. Steckte das Unternehmen in den ersten drei Monaten des Jahres knapp ein Achtel seines Umsatzes in den Ausbau seiner Netze und Dienstleistungen, sollen es bis 2022 in der Spitze 17 bis 18 Prozent der Erlöse sein. Denn Telefonica Deutschland darf beim 5G-Wettlauf nicht vergessen: 1&1 - so werden die Maintaler künftig heißen - wird auch 5G-Funkmasten bauen.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Unter den Analysten gehen die Meinungen zu Telefonica Deutschland stark auseinander. Von den sieben im dpa-AFX Analyser erfassten Experten, die sich seit den Quartalszahlen im Mai geäußert haben, sprechen sich drei zum Kauf von Telefonica-Deutschland-Anteilsscheinen aus und jeweils zwei Analysten raten zum Halten oder zum Verkaufen. Bis zum durchschnittlichen Kursziel von 2,65 Euro braucht der derzeitige Kurs noch ein Stück.

Nach der jüngsten Zahlenvorlage sprach Analyst Uwe Schupp von der Deutschen Bank zuletzt von "soliden Resultaten" des Mobilfunkanbieters. Einen Schritt weiter ging da sein Kollege Jakob Bluestone von der schweizerischen Bank Credit Suisse , der für Telefonica Deutschland als auch den Konkurrenten Deutsche Telekom seine Schätzungen anhob: Die Mobilfunktrends in Deutschland hätten sich generell im ersten Quartal robuster gezeigt als von ihm gedacht.

Mathieu Robilliard von der britischen Investmentbank Barclays schrieb, die Aussichten für eine Verbesserung der operativen Trends im weiteren Jahresverlauf seien bei den Münchnern sehr gut. Nicht ganz so euphorisch klang zuletzt Karsten Oblinger von der DZ Bank. Das erste Quartal sei etwa im Rahmen seiner Erwartungen ausgefallen und das Management des Telekomanbieters habe den Gesamtjahresausblick bestätigt, schrieb der Analyst. Er beließ seine Einstufung auf "Halten".

Andrew Lee von der US-Investmentbank Goldman Sachs blieb nach den Quartalszahlen dagegen pessimistisch. Er rät weiter zum Verkauf der Aktie. Bereits vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen hatte er bereits betont, dass die sich intensivierenden Ausgaben für das 5G-Netz die Ausschüttungen für viele Jahre belasten dürften.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Im Corona-Crash brach die Aktie von Telefonica Deutschland wie die vieler anderer Unternehmen ordentlich ein. Innerhalb weniger Wochen fiel sie um 35 Prozent bis auf 1,72 Euro und damit den tiefsten Stand seit dem Börsengang 2012. Damals wurde das Papier für 5,60 Euro das Stück ausgegeben - bereinigt um eine Kapitalerhöhung zur Teilfinanzierung der E-Plus-Übernahme lag der Emissionspreis bei rund 4,50 Euro.

Von dem Corona-Crash hat sich das Papier zwar wieder deutlich erholt, tritt aber seit Sommer 2020 auf der Stelle und hinkt der positiven Marktentwicklung deutlich hinterher. Seit Ende Juli pendelt das Papier - bis auf wenige Ausreißer nach oben - in der Spanne zwischen 2,20 Euro und 2,40 Euro. Derzeit liegt der Kurs mal wieder am unteren Ende dieses Bereichs.

Seit Ende 2019 büßte der Kurs rund 13 Prozent ein - damit gehört die Aktie in diesem Zeitraum zu den wenigen Verlierern im MDax , der seither um rund ein Fünftel zulegen konnte. Und auch im Vergleich zu den meisten anderen Titeln der Branche schneidet die Telefonica-Deutschland-Aktie schlecht aus.

Noch düsterer sieht das beim mittelfristigen Blick aus. Seit dem Rekordhoch von knapp sechs Euro Ende Oktober 2015 büßte der Telefonica-Deutschland-Kurs mehr als 60 Prozent ein, während der europäische Branchenindex Stoxx 600 Telecommunications lediglich rund ein Drittel verlor und der MDax um mehr als 60 Prozent anzog.

Insgesamt kommt Telefonica Deutschland auf einen Börsenwert von rund 6,6 Milliarden Euro. Die spanische Mutter Telefonica, die knapp 70 Prozent der Anteile hält, wird mit knapp 22 Milliarden Euro bewertet. Im Vergleich: Die britische Vodafone ist umgerechnet zirka 42 Milliarden Euro und die Deutsche Telekom rund 82 Milliarden Euro wert./ngu/zb/fba