LONDON (dpa-AFX) - Trotz Brexits und Einreisehürden für Saisonarbeiter sehen sich die britischen Fruchtbauern für die Saison gerüstet. Die Regierung habe das entsprechende Visaprogramm von 10 000 Plätzen im Vorjahr auf 30 000 erhöhte, teilte der Branchenverband British Summer Fruits mit. "Die Beerenobstbranche braucht dieses Versprechen, da sie mit einer deutlich niedrigeren Zahl an Saisonarbeitern aus der EU ebenso konfrontiert ist wie mit der Unmöglichkeit, einen erheblichen Teil der Arbeitskräfte aus Großbritannien zu rekrutieren."

Der Verband betonte, trotz der abgeschafften Freizügigkeit - ein Hauptargument der Brexit-Befürworter - habe die Branche genügend Saisonarbeiter einstellen können. Dabei gehe es sowohl um zurückgekehrte Kräfte, die bereits vor dem Brexit im Land gearbeitet haben und deshalb kein Visum benötigen, als auch im Arbeiter, die mithilfe des neuen Visaprogramms ins Land kommen. Etwa zehn Prozent seien Briten. "Wir sind zuversichtlich, dass Erdbeeren nicht in nennenswertem Umfang ungepflückt auf den Feldern bleiben werden, obwohl wir bei einigen Betrieben Probleme nicht ausschließen können."

Hilfsorganisationen sind allerdings skeptischer. Barbara Drozdowicz vom East European Resource Center, das sich um Migranten aus Osteuropa kümmert, warnte vor Risiken für Saisonarbeiter. So sei unklar, ob sie im Land bleiben dürften, wenn sie einen Bauernhof verlassen - etwa weil sie dort ausgebeutet wurden. "Das sind beängstigende Aussichten, denn das könnte zu illegaler Beschäftigung führen", sagte Drozdowciz der Deutschen Presse-Agentur. Schließlich würden die Saisonkräfte dann wie Kriminelle behandelt und bestraft.

Das benötigte Visum ist zudem umständlich zu erwerben, da Antragsteller einen Bürgen in Großbritannien benötigen, sowie teuer. Die Kosten betragen 244 Pfund (285 Euro). Für Staatsangehörige einiger Länder wie Deutschland ist es 55 Pfund günstiger, doch das gilt nicht für die ganze EU. So müssen Menschen aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien, aus denen traditionell Saisonarbeiter rekrutiert werden, den Normalpreis zahlen.

Die britische Erbeerenindustrie hat 2020 trotz der Corona-Krise stark zugelegt. Nach Verbandsangaben wurden 147 300 Tonnen Erdbeeren im Wert von 772 Millionen Pfund (rund 900 Mio Euro) verkauft, das waren 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit machen Erdbeeren fast die Hälfte der britischen Beerenindustrie im Wert von insgesamt 1,69 Milliarden Pfund aus. Dies wiederum entspreche einem Anteil von einem Viertel (26 Prozent) an der britischen Obstproduktion, so der Verband./bvi/DP/zb