Der DAX verliert so stark wie seit zehn Monaten nicht mehr und macht Anleger unruhig. wallstreet:online hat bei Börsenexperten nachgefragt: Kleine Sommerkorrektur oder Vorgeschmack auf ein baldiges Ende der Börsenparty?

Vor weniger als einer Woche – am vergangenen Mittwoch – war der deutsche Leitindex noch auf ein frisches Allzeithoch von 15.811 Punkten geklettert. Seither ging es zeitweise mehr als 700 Punkte abwärts. Zum Wochenstart lieferte der DAX mit einem Minus von 2,3 Prozent seinen schlechtesten Tag in diesem Jahr aufs Parkett.

„Kumuliert ist noch nicht so wahnsinnig viel passiert, die -4,2% der vergangenen drei Tage stellen noch keine echte Korrektur dar“, erklärt Klaus Brune, Leiter des Börsenressorts beim Platow-Verlag, gegenüber wallstreet:online. „Aber: Wir müssen bis Ende Oktober 2020 zurückgehen, um beim DAX eine ähnlich lange Verluststrecke zu finden.“

Apple, Amazon, Tesla, Facebook – auch viele US-Börsenlieblinge mussten in den vergangenen Tagen Verluste zwischen drei und fünf Prozent wegstecken. Für die in den letzten anderthalb Jahren erfolgsverwöhnten Börsianer ein ungewohntes Erlebnis. Das aus dem Börsengewitter ein größeres Sommerloch wird, schließen viele Experten zwar aus. Doch manche Indikatoren deuten auf große Nervosität im Markt hin.

Der V-Dax, ein von der Deutschen Börse erstellter Volatilitätsindex, legte in einer Woche knapp 25 Prozent zu und signalisiert damit ein unruhiges Marktumfeld. Der Angst und Gier-Index des US-Nachrichtensenders CNN deutet ebenfalls auf eine starke Verunsicherung der Anleger hin. „An der Börse steht uns sicherlich ein ruckeliger Herbst bevor. Aber auch in dieser Phase gibt es Aktien mit Potenzial. Klar ist aber: Die kluge Auswahl einzelner Titel wird in den kommenden Wochen und Monaten wichtig. Ein reines Index-Investment wird es nicht richten können“, so Klaus Brune.

Die „Pandemie-Aufholjagd“ – die mit dem Start der Impfkampagne und der schrittweisen Wiedereröffnung der Wirtschaft Fahrt aufgenommen hatte – könnte zwar ihren Höhepunkt erreicht haben. „Das generelle Wachstumsszenario bleibt aber zumindest auf Sicht der kommenden zwölf Monate weiterhin intakt“, so Brune. „Ergo haben die Notenbanken dieser Welt noch genügend Zeit, den monetären Stimulus zurückzufahren, um damit die Inflation in Griff zu bekommen, ohne die Konjunktur abzuwürgen.“

Sorgen über einen bevorstehenden Crash macht sich auch Stefan Risse, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment, nicht. „Ich würde dies als eine gesunde und überfällige Korrektur bezeichnen“, sagt er im Gespräch mit wallstreet:online. „So etwas sehen wir beim DAX immer mal wieder, da viel im Future-Markt gespielt wird.“ Die jüngsten Rückschläge bereiten dem Experten kein großes Kopfzerbrechen. „Dieses Jahr verläuft bislang recht genau nach den Saisonmustern. Es würde mich nicht wundern, wenn wir ab August bis Oktober eine schwächere Phase sehen“, glaubt Risse.

Als Grund sieht er auch neue Corona-Sorgen. Die „Lockerungs-Rallye“ vieler Value-Aktien habe zuletzt etwas an Schwung verloren. „Der Markt preist die Risiken durch die Delta-Variante ein. Die Corona-Gewinner holen im Vergleich zu den zyklischen Aktien wieder auf.“

Dank der Politik der Zentralbanken könnte der Markt auch eine Schwächephase gut verkraften. „Ich glaube nicht, dass wir einen Absturz erleben“, so Risse. Anleger, die kalte Füße bekämen, müssten jedoch auch ihren Wiedereinstieg gut planen. „Wer aktuell ein paar Gewinne mitnehmen möchte, sollte nicht verpassen, im Oktober wieder einzusteigen.“

Peter-Thilo Hasler, Analyst und Gründer von Sphene Capital, warnt im w:o Interview vor allzu großer Panikmache. „Die Märkte sollen sich also in einem ‚Korrekturmodus‘ befinden, weil der DAX von seinem vor einer Woche erreichten Allzeithöchststand ein paar Hundert Punkte abgegeben hat. Einzelne Medien sprechen gar davon, dass wir nun eine neue ‘Marktverfassung‘ haben.“

Dabei sei die aktuelle Korrektur auf lange Sicht gesehen nur ein „unauffälliger Kommastrich“. „Natürlich ist auch eine längere Korrektur möglich, schließlich ist die Unsicherheit nicht erst seit gestern hoch. Das zu prognostizieren, ist allerdings keinem – auch nicht den notorischen Pessimisten – möglich.“

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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