BEIRUT (dpa-AFX) - Die anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise im Libanon zählt der Weltbank zufolge vermutlich zu den schlimmsten Krisen weltweit seit den 1850er Jahren. Sie gehöre wahrscheinlich zu den zehn und möglicherweise sogar zu den drei schwersten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht. Die "anhaltende politische Untätigkeit" und die immer noch nicht voll funktionierende Regierung bedrohten die "ohnehin katastrophalen sozioökonomischen Verhältnisse und einen brüchigen sozialen Frieden ohne klaren Wendepunkt in Sicht".

Die Krise in dem Mittelmeerland gilt mindestens als die schlimmste seit Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990. Wegen des drohenden Staatsbankrotts laufen Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über ein Rettungsprogramm. Dieses knüpft der IWF aber an umfassende wirtschaftliche Reformen und einen stärkeren Kampf gegen Korruption im Land. Die Gespräche kamen bisher nur schleppend voran. Vergangenen August hatte eine verheerende Explosion den Hafen Beiruts erschüttert, mehr als 190 Menschen starben. Seit den Tagen nach der Katastrophe ist das Land ohne funktionierende Regierung.

Die Autoren des Weltbank-Berichts vergleichen die Lage im Libanon nun mit 100 Wirtschaftskrisen weltweit im Zeitraum von 1857 bis 2013. Berechnet wird dafür ein Krisen-Index anhand des jeweiligen Rückgangs des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts (BIP) und der Dauer einer Krise in Jahren. Bei einer optimistischen Einschätzung der Libanon-Krise landet sie im historischen Vergleich auf Platz 6. Im schlimmsten Fall gehen die Autoren unter anderem davon aus, dass bis zu einer Erholung auf das Niveau von 2017 im Libanon noch 15 Jahre vergehen werden. Dies wäre im untersuchten Zeitraum dann die schlimmste Krise seit der Weltwirtschaftskrise in Chile Ende der 1920er Jahre und seit dem dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-39).

Den Libanon beschreibt die Weltbank als von "Zerbrechlichkeit, Konflikten und Gewalt" geplagten Staat. Es drohe eine "gefährliche Verknappung von Ressourcen", darunter auch an hoch qualifizierten Arbeitskräften, die sich vermutlich zunehmend nach Jobmöglichkeiten im Ausland umsehen würden./jot/DP/nas