Die Papiere von Biontech gehörten in den vergangenen Wochen zu den Top-Performern. Die Patentschutz-Diskussion schreckt viele Anleger auf, die Kurse fallen rasant. Aber: Analysten sehen einen guten Moment zum Einstieg.

Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hatte sich am Mittwoch hinter einen Vorschlag der Weltgesundheitsorganisation WHO gestellt, die Patentrechte an den Impfstoffen aufzuheben. Auch die EU zeigte sich offen, über eine vorübergehende Aufhebung zu sprechen. „Die EU ist bereit, jeden Vorschlag zu diskutieren, der die Krise auf effektive und pragmatische Weise angeht“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Fällt der Patentschutz, könnten auch andere Firmen die Covid-Vakzine von Biontech & Co. produzieren. Der Vorstoß soll die begehrten Impfstoffe auch für Entwicklungsländer verfügbar und bezahlbar machen.

„Als Mensch und Erdenbewohner kann ich dem Ansinnen nur zustimmen; als Analyst muss ich natürlich eine differenzierte Stellungnahme abgeben“, sagt Klaus Brune, Leiter des Börsenressorts beim Platow-Verlag. Die Aktien von Biontech, Moderna und Curevac liegen am Donnerstagnachmittag zweistellig im Minus.

Der Internationale Pharmaverband IFPMA kritisierte, dass ein Ende des Patentschutzes keine Probleme löse, denn auch die entsprechenden Inhaltstoffe müssten ausreichend verfügbar sein. Auch Analyst Brune ist skeptisch: „Impfstoffe sind nicht so ganz einfach zu produzieren. Vielleicht lassen sich da ja auch Kompensationsmöglichkeiten ausloten: Biontech & Co erhalten von der Weltgemeinschaft einen Beitrag dafür, dass sie potenzielle Produzenten in die Lage versetzen, den Impfstoff zu produzieren.“

Ähnlich sieht das Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment: „Wir glauben, dass es eine marktwirtschaftliche Lösung geben wird. Selbst wenn der Patentschutz aufgehoben werden sollte, werden die Industrieländer eine Entschädigung zahlen – sozusagen eine Art Entwicklungshilfe.“

Wurden die Aktien der Impfstoff-Pioniere also zu Unrecht abgestraft? „Ich halte zumindest bei Biontech die aktuellen Kurse für Einstiegskurse“, so Klaus Brune. „Auf Basis der bislang vorliegenden Daten habe ich einen 2021er-Gewinn von 23,45 Euro für die Aktie unterstellt, was auf dem aktuellen Kursniveau ein fast schon lächerlich günstiges KGV von 6 ergibt.“

Auch Stefan Riße sieht keinen Grund, an seiner bullischen Einstellung zu Biontech zu rütteln. „Wir kaufen eher nach. Unsere Einschätzung zu Biontech hat sich nicht geändert. Und die bereits geschlossenen Lieferverträge gelten, dieses Geld wird also fließen.“ Den potenziellen Eingriff in die geistigen Eigentumsrechte sieht er dennoch kritisch: „Engagierte Pharma-Unternehmen müssen weiterhin eine Motivation haben, neue Impfstoffe zu entwickeln, sei es gegen Mutationen oder in der nächsten Pandemie. Und sie müssen damit auch Geld verdienen dürfen. Die Patente zu lockern, würde dem die Grundlage entziehen.“

Biontech teilte in einem Statement gegenüber wallstreet:online mit: „Wir sind fest entschlossen, unseren Impfstoff an Menschen auf der ganzen Welt in allen Ländern und über alle Einkommensschichten hinweg zu liefern. Wir alle wissen, dass niemand sicher sein wird, bis alle vor dem Virus sicher sind.“ Die Herstellung von mRNA-Impfstoffen setze jedoch ein hochspezialisiertes Know-How voraus. „Patente sind nicht der begrenzende Faktor für die Produktion oder Versorgung mit unserem Impfstoff. Sie würden kurz- und mittelfristig die weltweite Produktion und Versorgung mit Impfstoffdosen nicht erhöhen“, so das Unternehmen weiter. Man arbeite am Ausbau eines zertifizierten weltweiten Produktionsnetzwerkes, um die Produktion „drastisch“ zu erhöhen. „Wir werden weiterhin Länder mit niedrigem oder unterem mittlerem Einkommen mit unserem Impfstoff zu einem nicht gewinnorientierten Preis versorgen.“

An der Börse rutschte am Donnerstag auch die Aktie des US-Pharmariesen und Biontech-Partners Pfizer ins Minus. Auch hier sieht Platow-Experte Klaus Brune Chancen für interessierte Anleger. „Heute fünf Prozent im Minus bei etwa 32 Euro. Bei Pfizer habe ich – basierend auf der Guidance des Unternehmens – 3,60 Dollar Gewinn je Aktie in meinem Spreadsheet stehen. Das Covid-Mittel macht knapp ein Drittel der Erlöse aus, also rechnen wir mal mit 2,35 Dollar reduziertem Gewinn je Aktie. Gibt ein KGV von 16. Nicht spottbillig, aber auch nicht exorbitant teuer. Pfizer wäre für mich auf diesem Niveau also auf jeden Fall auch kaufenswert.“

Autor: Julian Schick, wallstreet:online Zentralredaktion

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