FRANKFURT (dpa-AFX) - Die zuletzt spürbare Höhenangst der Anleger könnte dem Dax auch in der neuen Woche nahe seines Rekords das Leben schwer machen. Die Inflationsangst und der mit ihr verbundene Anstieg der Anleiherenditen dürfte weiter für Unsicherheit sorgen, glauben Experten. Weitere Rückschläge gelten damit als nicht ausgeschlossen. Nach unten könnte der Leitindex aber auch abgesichert sein davon, dass Anleger auf reduziertem Niveau schnell wieder frisches Geld ins Spiel bringen wollen.

"Viel Positives für die Zukunft wurde auf dem Weg über die Marke von 14 000 Punkten in die Kurse eingepreist und viel Kraft auf dem Weg nach oben verbraucht", sagt der CMC-Markets-Experte Jochen Stanzl. Er fürchtet, dass die Ampel für den Dax aus Sorge vor einer anziehenden Inflation jetzt erst einmal auf Rot steht. "Früher bedeuteten Preissteigerungen am Morgen Zinssteigerungen mittags und fallende Aktienkurse am Abend", sagte Robert Halver von der Baader Bank die in solchen Zeiten gewohnte Prozedur. Denn steigende Zinsen lassen Anleihen im Vergleich zu Aktien in einem besseren Licht erscheinen.

Die von der Inflations- und Zinsangst begleitete Sektor-Rotation steht laut Stanzl damit im Zusammenhang, dass die bislang treibenden Werte etwa aus dem Technologiesektor in einem wieder inflationären Umfeld nicht mehr attraktiv sind für Anleger. Das Motto heiße "raus aus den Pandemie-Gewinnern und rein in die Aktien, die von einem Ende der Lockdowns, einer dynamischen Konjunkturerholung mit anziehenden Preisen und wieder steigenden Zinsen profitieren."

Dieses Vorgehen hatte die vergangenen Handelstage geprägt. Die Blicke dürften deshalb einerseits auf Aktien wie Delivery Hero , Hellofresh oder Zalando gerichtet bleiben und andererseits auf den Bankensektor, dem steigende Marktzinsen im Alltagsgeschäft allgemein gut zu Gesicht stehen. Delivery Hero haben seit dem Hoch Anfang Januar mittlerweile schon etwa ein Viertel an Wert verloren. Bei der Deutschen Bank dagegen reichte der gute Lauf seit Anfang Februar zuletzt für den höchsten Stand seit 2018.

Bei allen Schwankungen ist der Dax aber weiterhin nur knapp 3 Prozent von seinem bisherigen Rekord von 14 169 Punkten entfernt. Die Landesbank Helaba vermutet, dass es sich also bei den jüngsten Rücksetzern auch nur um eine gesunde Konsolidierung handeln könnte. Laut Analyst Markus Reinwand wird die Inflation erst zum echten Problem, wenn sie die Notenbanken zu einer Abkehr bewege. Dafür gebe es derzeit aber noch keine Signale. Aussagen des US-Notenbankchefs Jerome Powell wurden am Mittwoch noch als starke Bekenntnis angesehen, dass die Fed bei ihrer ultralockeren Geldpolitik bleiben will.

Auch diverse Charttechniker sehen den Dax perspektivisch immer noch im grünen Bereich. Laut Martin Utschneider von der Privatbank Donner & Reuschel müssen zwar weitere kurzfristige Korrekturen ins Kalkül gezogen werden. "Der mittelfristige charttechnische Trend ist erst ab Notierungen unterhalb der 13 500 Punkte gefährdet", so der Experte.

Erst wenn der Dax unter diese Schwelle oder sogar die 13 400 Punkte fällt und dann nicht wieder schnell nach oben ausschlägt, wäre dies laut seinem Kollegen Andreas Büchler von Index Radar ein echtes Warnsignal. Zuletzt habe es sich gezeigt, dass Investoren ein Preisniveau unter 13 700 Punkten als gute Kaufgelegenheit wahrnähmen. Zweimal hatte sich der Dax jüngst knapp unter dieser Marke schnell stabilisiert.

Für einen Ausbruch nach oben klar über die 14 000 Punkte könnten aber größere bedeutende Kurstreiber nötig werden. Laut dem Merck-Finck-Chefstrategen Robert Greil dürften in der Corona-Pandemie die Planungen zur schrittweisen Rückkehr in ein normales Leben im März ein zentrales Thema für die Finanzmärkte werden. Schaut man voraus, sind in Deutschland aber so schnell keine größeren Lockerungen zu erwarten.

Mit Spannung dürfte auch nach Washington geschaut werden wegen der Frage, in welchem Umfang Joe Biden seine Versprechen mit neuen Konjunkturhilfen in beträchtlicher Höhe einhalten kann. Laut Analyst Jeffrey Halley vom Handelshaus Oanda wird es immer wahrscheinlicher, dass der neue US-Präsident das 1,9 Billionen US-Dollar schwere Paket ohne größere Beeinträchtigungen durchbekommt. Das von Bidens Demokraten dominierte Repräsentantenhaus hat den Gesetzesentwurf mit einer knappen Mehrheit von 219 zu 212 Stimmen gebilligt. In einem nächsten Schritt muss nun der Senat zustimmen.

Ansonsten nimmt die Berichtssaison der Unternehmen in der neuen Woche weiter ihren Lauf. Vor allem am Donnerstag berichten wieder zahlreiche Konzerne, von manchen sind schon Eckdaten bekannt. Konjunkturell dürften am Montag und Mittwoch Einkaufsmanagerindizes aus der Industrie und dem Dienstleistungssektor ins Blickfeld rücken, die sowohl aus Europa als auch den USA kommen. Am Freitag steht dann der nächste monatliche Arbeitsmarktbericht aus den Vereinigten Staaten auf der Agenda./tih/la/he/men

- Von Timo Hausdorf, dpa-AFX -